AIM Audio Essence Test: ungleicher Stereopartner?

AIM Audio Essence: Mutig kann man nennen, was ein paar Audio-Enthusiasten aus Berlin mitten in der Corona-Zeit getan haben. Sie haben die Firma AIM Audio gegründet und sich daran gemacht, ein ganz neues Schaltungsdesign zu entwerfen, welches die Umschaltung vom übertragersymmetrierten zum übertragerlosen Signalfluss ermöglicht. Per Knopfdruck. Das Topmodell AIM Inspire hat im Test (hier lesen) übrigens bereits einen ziemlich guten Eindruck bei uns hinterlassen. Kaum zu glauben, aber gebaut werden die Mikrofone tatsächlich in Berlin. Die Kombination Mikrofone und Berlin hat bekannterweise einen angenehmen Beiklang. Mal sehen, ob das „abgespeckte“ Essence die Erwartungen erfüllen kann.

Unser Fazit:
5 / 5
Pro
  • offener, detaillierter Klang
  • schnelle Transientenwiedergabe
  • praxisgerechtes Layout
  • günstiger Preis
Contra
  • (eine Halterung wäre wünschenswert)

Quick Facts zum AIM Inspire

  • Großmembran Kondensator-Mikrofon mit Nierencharakteristik
  • Ausgangsstufe umschaltbar zwischen übertragersymmetriert und übertragerlos
  • Peaklevel-Indikator
  • bildet mit einem AIM Inspire ein Stereopaar

Oval und ziemlich schlicht

Im Karton stoße ich zunächst auf eine Kunstledertasche, eine EU-Stativgewinderverkleinerung sowie eine Bedienungsanleitung. Darunter liegt das Objekt der Begierde, das Mikrofon selbst. Vom metallenen, matt lackierten Gehäuse über die Anordnung der Schalter bis zur ovalen Grundform entspricht das AIM Essence exakt dem Topmodell Inspire. Die wichtigste Besonderheit ist natürlich ebenfalls an Bord, nämlich die patentierte Umschaltmöglichkeit der Ausgangsstufe.

HPF, Pad
Anders als das Topmodell Inspire arbeitet das Essence als reines Nierenmikrofon.

Das gibt es nur bei AIM Audio

Statt auf einen Signalpfad festgelegt zu sein, vereinen die AIM-Mikrofone beide gängigen Schaltungen in einem Gehäuse. Per Knopfdruck darf zwischen dem reichhaltigen Klang einer Transformator-symmetrierten Ausgangsstufe und einer aktiv elektronischen FET-Symmetrierung gewählt werden. Letztere gilt als transparenter und transiententreuer. Dazu gibt es ein -10 dB Pad und ein Low Cut Filter (80 Hz). Die Empfindlichkeit gibt AIM mit 24 mV/Pa an, bei Bedarf kann das Essence 140 dB Maximalschalldruck verdauen.

Das AIM Alleinstellungsmerkmal: schaltbare Ausgangsstufe
Bei der 1“ Mylarkapsel geht es konventioneller zu.

Alle Schalter sind beleuchtet, einige verfügen über Zusatzfunktionen

Unten mittig liegt ein runder Knopf mit dem Logo der Marke, welcher sowohl als Betriebs-Indikator als auch als Tastensperre und Dim-Taste fungiert. Drei Dim-Level bis hin zum Abschalten der Tastenbeleuchtung sind möglich. Versehentliches Umschalten beim Hantieren mit dem Mikro kann durch gleichzeitiges Drücken der Pad- und Filterschalter verhindert werden, dann greift eine Tastensperre. Ein weiteres, ungewöhnliches Feature stellt die Peaklevel-LED dar. Orange und Rot werden angezeigt, wobei AIM ausdrücklich darauf hinweisen, dass hier nicht die Belastungsgrenzen des Mikrofons dargestellt werden, sondern mögliche Überlastungen nachfolgender Preamps oder Interfaces.

Made in Berlin: Das Testobjekt wird tatsächlich in Deutschland produziert.

Der Unterschied zum teureren Inspire

Beim hier getesteten Essence handelt es sich um eine Nierenmikrofon, das Inspire verfügt über vier weitere Richtcharakteristiken. Dazu kommen jeweils zweistufige Pads und und Hochpassfilter, außerdem kann die Einsprechrichtung umgeschaltet werden. Aktuell wird das Inspire zudem mit der passenden Spinne plus Poppschutz ausgeliefert, Käufer des Essence müssen ihren Schallwandler direkt an eine Stativstange schrauben oder ein entsprechendes Gelenk verwenden. Der Clou ist jedoch: Weil die wesentlichen Bestandteile von Inspire und Essence identisch sind, können Inspire-Besitzer statt eines zweiten Inspire einfach das preiswertere Essence dazukaufen und haben dennoch ein echtes Nieren-Stereopaar!


AIM Audio Essence in der Praxis

Um die klanglichen Fähigkeiten der beiden gelieferten Essence-Mikrofone zu testen, wandern sie zunächst in ORTF-Anordnung über mein Yamaha 9000 Drumset. Dort hilft mir die Tatsache, dass beim mir ebenfalls vorliegenden Inspire eine passende Halterung dabei ist, ansonsten ist das Hantieren mit der starren Buchse so nicht möglich. AIM sollten hier vielleicht doch zumindest ein einfaches Gelenk beilegen.

Für die Overhead-Anordnung kommt beim linken Mikro die optionale Halterung zum Einsatz.

Klanglich geht dann die Sonne auf, sowohl im Transformator- als auch im FET-Modus liefert das Nierenmikro eine sehr gute Abbildung aller Drumset-Elemente, in beiden Fällen gibt es einen zwar runden, aber gleichzeitig detaillierten Sound, der auch Hi-Hats und Ghostnotes einen schönen Realismus verleiht. Der Unterschied zwischen beiden Betriebsarten erfordert ein kurzes Einhören, ist dann aber klar erkennbar. Der Transformator klingt minimal „dicker“, Transienten werden verrundet. Die FET-Schaltung grenzt die Anschläge mehr voneinander ab, der Klangbild wird subjektiv minimal fokussierter. Mein Favorit bei Overheads wäre die FET-Variante, als Raummikro oder vor der Bassdrum könnte ich mir die Trafo-Schaltung sehr gut vorstellen. Und ich kann bestätigen: Wer Stereoaufnahmen machen möchte, aber nur an einem Mikrofon die zusätzlichen Möglichkeiten des Inspire benötigt, kann einfach ein Essence dazu kaufen. Die Modelle sind nahtlos kompatibel!

Audio Samples
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Overheads (ORTF), Transformator, im Mix Overheads (ORTF), Transformator, solo Overheads (ORTF), FET, im Mix Overheads (ORTF), FET, solo AKG C214 Overheads (ORTF), im Mix AKG C214 Overheads (ORTF), solo

Alternativen zum AIM Audio Essence

Großmembranmikros gibt es unzählige, die Möglichkeit, die Ausgangsstufe umzuschalten, bietet zum Testzeitpunkt jedoch nur das Testgerät und das große AIM Audio Inspire. Beide Produkte sind zudem auch als Stereopaar kompatibel. Innovative Idee und ein modernes Design sind allerdings auch woanders zu finden. So misst das Lewitt RAY automatisch den Abstand zur Schallquelle und passt den Pegel selbsttätig an. Auf der Suche nach interessanten Konzepten dürftet ihr auch über Austrian Audio stolpern, welche beim Topmodell OC818 eine Fernsteuerung der Richtcharakteristiken anbieten, die ovale Form und eine hochwertige Klangqualität gibt es aber auch schon beim kleineren OC18.

Test des AIM Audio Essence: Fazit

Beim AIM Audio Essence handelt es sich um die abgespeckte Version des Oberklasse-Mikrofons Inspire, die patentierte Umschaltmöglichkeit gibt es jedoch auch hier. Mit einem Pad, einem Low Cut Filter sowie beleuchteten und dimmbaren Schaltern, ist der Schallwandler für nahezu alle Einsatzgebiete geeignet, wo man zu einem Großmembran-Mikrofon greifen würde. Es klingt hervorragend und weiß mit natürlicher Abbildung und schnellen Transienten zu überzeugen. Der Clou des Mikros, die beiden Betriebsmodi, stellen sich als subtiles aber wirkungsvolles Werkzeug zum schnellen Abrufen zweier Klangcharaktere dar. Beim Transformator-Signalweg gibt es einen minimal sanfteren, angedickten Charakter, die FET-Schaltung bietet schnellere Transienten und mehr Realismus. Toll wäre eine einfache Halterung gewesen, die muss beim Essence jedoch separat erworben werden. Praktisch ist dafür die Möglichkeit, die Modelle Essence und Inspire als Stereopaar kombinieren zu können. Insgesamt ist das Gerät nicht nur in Sachen Sound, sondern auch beim Preis-Leistungsverhältnis eine echte Empfehlung, zudem noch hergestellt in Berlin.

  • Pattern: Niere
  • Ausgangsstufe wählbar: übertragerlos (FET) oder Transformator
  • Pad: 10 dB
  • Low Cut: 80 Hz
  • Übertragungsfaktor: 24,1 mV/Pa
  • max. Schalldruckpegel: 140 dB SPL
  • LED-Beleuchtung dreistufig dimmbar oder ganz abschaltbar
  • Peak Level Meter
  • Bedienelemente sperrbar
  • Zubehör: Tasche, EU-Verkleinerung
  • hergestellt in: Deutschland
  • Webseite: aimaudio.com
  • Preis: € 399,– (Straßenpreis am 12.6.2026)
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