„Wir stehen auf den Schultern von Giganten.“ Dieses Zitat von Sir Isaac Newton beschreibt treffend, dass nur wenige technische Entwicklungen im luftleeren Raum stattfinden. Und was für Wissenschaft, Kunst und Musik gilt, trifft natürlich auch auf die Geschichte des Gitarren-Equipments zu. Viele legendäre Gitarren, Amps und Effektpedale basieren auf bereits vorhandenen Ideen und Erfindungen, die kopiert, verändert oder weiterentwickelt wurden. Aus solchen Vorbildern entstanden immer wieder neue Klassiker mit eigener Identität und Gefolgschaft. Wir zeigen fünf besonders interessante Fälle, in denen aus einer Kopie deutlich mehr wurde als nur ein Nachbau.

- Genial geklaut oder clever weitergedacht?
- Lawsuit Era: Wie japanische Gitarrenkopien zu Vintage-Klassikern wurden
- Vom Fender Bassman zum Marshall JTM45: So entstanden die legendären Amp-Klassiker
- Ibanez Tube Screamer: Wie aus einem Overdrive eine ganze Pedal-Gattung wurde
- Amp-in-a-Box-Pedale: Wenn die Kopie selbst zum Vorbild wird
- Amp-Modeling und Profiling: Wie Gitarrenamps digital kopiert werden
- Fazit: Ohne Kopien keine Gitarrengeschichte?
Genial geklaut oder clever weitergedacht?
Zunächst sei erwähnt, dass der Begriff „Kopie“ im Folgenden sehr weit gefasst und keineswegs abwertend gemeint ist. Sind wir mal ehrlich: Originalität bedeutet äußerst selten, dass etwas vollkommen Neues aus dem Nichts erschaffen wird. „Copy, Transform, Combine“ lautet der Dreisatz, den man bei vielen kreativen Prozessen beobachten kann.
So auch in der Musikgeschichte: Entwickler greifen bestehende Ideen auf, verändern Schaltungen, tauschen Bauteile aus oder kombinieren vertraute Konzepte. Und manchmal entwickelt sich aus der vermeintlichen Kopie sogar etwas, das später selbst zum Vorbild für Hersteller wird. Spätestens mit dem digitalen Modeling und Profiling wurde das möglichst genaue Kopieren eines Sounds sogar zu einer Kerndisziplin. Doch wo endet die bloße Nachahmung und wo beginnt etwas Eigenständiges?
Lawsuit Era: Wie japanische Gitarrenkopien zu Vintage-Klassikern wurden
Wer sich mit Vintage-Gitarren auseinandersetzt, stolpert früher oder später über den Begriff „Lawsuit Era“. Gemeint sind damit vor allem japanische Gitarren der 1970er-Jahre, die sich teilweise sehr eng an amerikanischen Vorbildern von Gibson und Fender orientierten. Marken wie Ibanez, Greco, Tokai, Burny oder Fernandes boten Les-Paul- und Strat-Modelle zu deutlich niedrigeren Preisen als die Originale an. Während viele dieser frühen Instrumente ursprünglich vor allem als günstige Budget-Modelle angetreten waren, stieg die Fertigungsqualität der japanischen Werke im Laufe der 70er-Jahre erheblich.
Gleichzeitig standen Fender und Gibson nach den Übernahmen durch CBS beziehungsweise Norlin zunehmend in der Kritik, qualitativ nicht mehr durchgehend an das Niveau früherer Jahre anknüpfen zu können. Die japanischen Kopien wurden damit für viele Gitarristen plötzlich zu ernsthaften Alternativen. Der Konflikt gipfelte 1977 in einer Klage von Norlin gegen den amerikanischen Ibanez-Vertrieb Elger/Hoshino. Dabei ging es allerdings vor allem um die Gibson-typische Headstock-Form und nicht um ein generelles Verbot von Les-Paul-Kopien. Der Streit wurde außergerichtlich beigelegt und fiel in eine Phase, in der Ibanez sich ohnehin zunehmend von Kopien entfernte und damit eine eigenständige Markenidentität aufbaute.
Tokai blieb mit Instrumenten wie der Springy Sound oder der Les Paul Reborn näher an den klassischen Vorbildern, während auch Greco und Burny hochwertige Interpretationen amerikanischer Designs bauten, die heute teilweise selbst als begehrte Vintage-Instrumente gelten. Ibanez und später auch ESP vollzogen schließlich die Kehrtwende: Aus Marken, die zunächst vor allem amerikanische Vorbilder nachbauten, wurden Hersteller, deren eigene Designs später selbst zahllose Kopien hervorbrachten.
Vom Fender Bassman zum Marshall JTM45: So entstanden die legendären Amp-Klassiker
Wenn man einen aufgerissenen Marshall hört, denkt vermutlich kaum jemand zuerst an den archetypischen Sound von Fender-Amps. Tatsächlich liegt der Ursprung des klassischen britischen Rock-Sounds aber in einem amerikanischen Bassverstärker: dem Fender Bassman 5F6-A.

Fender Amps gehören zu den Ikonen der Verstärkergeschichte und haben nahezu jedes Genre geprägt. Wir zeigen, wie sie klingen und wo man sie einsetzt.
Als Jim Marshall Anfang der 60er-Jahre gemeinsam mit Ken Bran und Dudley Craven einen eigenen Verstärker entwickelte, diente der Bassman als Vorlage für den JTM45. Die Schaltung war zwar keineswegs identisch, doch die Verwandtschaft liegt auf der Hand. Aber durch britische Bauteile, andere Transformatoren, Lautsprecher und später auch Endstufenröhren entwickelte sich Schritt für Schritt eine eigene Klang-Identität.

Über den JTM45 und Super Lead führte die Entwicklung schließlich zu jenem Sound, den man heute mit Eric Clapton, Jimi Hendrix, Jimmy Page oder Eddie Van Halen verbindet. Aus einer amerikanischen Schaltung war innerhalb weniger Jahre der Inbegriff des britischen Rockamps geworden. Marshall war damit allerdings kein Einzelfall: Randall Smith begann mit Modifikationen bestehender Fender-Amps, aus denen schließlich Mesa/Boogie hervorging. Und auch Alexander Dumble entwickelte seine Konzepte auf der Basis von Fender-inspirierten Schaltungen. Der 1987 vorgestellte Soldano SLO-100 wiederum wurde selbst zur Blaupause für eine ganze Generation moderner High-Gain-Amps und beeinflusste unter anderem Entwicklungen wie den Peavey 5150 und den Mesa/Boogie Dual Rectifier. Trotz dieser Verwandtschaft würde allerdings kaum jemand einen SLO-100, einen 5150 und einen Dual Rectifier klanglich verwechseln.

Wie die bekanntesten Marshall-Amps den typischen Sound geprägt haben, wie er sich entwickelt hat und was beim Einsatz von PlugIns und Modellern wichtig ist.
Ibanez Tube Screamer: Wie aus einem Overdrive eine ganze Pedal-Gattung wurde
In der Pedalwelt begegnet uns dieses Prinzip besonders häufig, doch nur wenige Schaltungen wurden so oft kopiert und aufgebohrt wie die des Ibanez Tube Screamers.
Die Geschichte beginnt Ende der 70er-Jahre beim japanischen Hersteller Maxon. Dessen Entwickler Susumu Tamura arbeitete an einem Overdrive, der den organischen Zerrcharakter eines Röhrenamps möglichst überzeugend einfangen sollte. Das daraus entstandene Schaltungsprinzip kam 1979 unter anderem im Maxon OD808 und im nahezu baugleichen Ibanez TS808 zum Einsatz.

Der Ibanez Tubescreamer gilt als einer der kultigsten und meistkopierten Verzerrer überhaupt. Und eine Menge Gründe zeigen, warum man ihn dafür lieben darf.
Doch selbst der Tube Screamer kam keineswegs aus heiterem Himmel. Boss hatte bereits 1977 mit dem OD-1 einen wichtigen Overdrive vorgestellt, dessen Grundidee später im SD-1 weitergeführt wurde. Also war auch der Tube Screamer nicht ohne Vorläufer, wurde aber dennoch innerhalb weniger Jahre zu einem der meistkopierten Overdrives überhaupt.

Erstaunlich ist dabei vor allem die Zahl der Nachfolger, die auch fast 50 Jahre nach dem Urmodell noch regelmäßig erscheinen. Mittlerweile existieren unzählige Pedale, die konzeptionell auf dem Tube-Screamer basieren. Manche orientieren sich nahezu unverändert am TS808, andere erweitern oder flexibilisieren den Bassbereich, das Clipping, die Gainstruktur oder die Klangregelung. Der Name Tube Screamer steht deshalb längst nicht mehr nur für ein konkretes Pedal, sondern fast schon für eine ganz eigene Overdrive-Gattung.
Wer heute von einem „TS-Style Overdrive“ spricht, meint in der Regel kein bestimmtes Modell, sondern einen Overdrive mit charakteristischer Mittenanhebung und beschnittenem Bassbereich. Der Tube Screamer ist damit ein kleiner Sonderfall in unserer Liste: Er ist weniger eine berühmte Kopie als vielmehr ein Produkt, dessen unzählige Weiterentwicklungen längst selbst zu Klassikern geworden sind. Ein ähnliches Schicksal ereilte später auch den Klon Centaur und natürlich den Marshall Bluesbreaker, dessen Geschichte wir uns im Folgenden genauer anschauen.
Amp-in-a-Box-Pedale: Wenn die Kopie selbst zum Vorbild wird
Etwas anders gelagert ist der Fall bei sogenannten Amp-in-a-Box-Pedalen. Hier steht nicht mehr ein populärer Verzerrer Pate, sondern gleich ein kompletter Verstärker. Technisch müssen und können solche Pedale ihr Vorbild jedoch keineswegs kopieren. Ein analoges Pedal kann mit völlig anderen Schaltungsprinzipien arbeiten und dennoch versuchen, Gainstruktur, Klangbild und Dynamik eines bestimmten Amps nachzubilden. Das ändert auch die Definition der „Kopie“: Nicht der technische Aufbau wird übernommen, sondern das klangliche Ergebnis.
Ein früher und wichtiger Vertreter dieser Kategorie war der Marshall Guv’nor, der Ende der 80er-Jahre erschien und den typischen Marshall-Crunch auch vor anderen Verstärkern verfügbar machen sollte. 1991 folgte der Marshall Bluesbreaker, dessen klangliches Vorbild der gleichnamige Combo beziehungsweise der JTM45 war. Das Pedal entwickelte sich später zu einem begehrten Klassiker, wurde von Marshall neu aufgelegt und inspirierte zahlreiche Hersteller zu eigenen Interpretationen. Dazu zählen etwa der JHS Morning Glory, der Wampler Pantheon, der Walrus Audio Ages und allen voran der Analogman King of Tone.
Besonders kurios ist, dass diese Pedale irgendwann nicht mehr nur gekauft wurden, weil sie „wie ein Marshall“ klingen sollten, sondern weil bestimmte Modelle längst für eine eigene Klangwelt standen. Ganz ähnlich entwickelte sich eine eigene Dumble-Style-Pedalgattung. Zu deren frühen und prägendsten Vertretern zählt der Hermida Zendrive, später gefolgt von z. B. dem J. Rockett The Dude, Wampler Euphoria und Mad Professor Simble.
Amp-Modeling und Profiling: Wie Gitarrenamps digital kopiert werden
Mit dem digitalen Amp-Modeling änderte sich Ende der 90er-Jahre die Bedeutung des Begriffs „Kopie“ grundlegend. Hatten Hersteller bis dahin versucht, bestimmte Sounds mit analogen Schaltungen nachzubilden, sollte diese Arbeit nun die Software übernehmen.

Die Anfänge des Amp-Modelings vom Tom Scholz Rockman bis zum digitalen Line 6 POD behandelt unser Feature – mit einem Audiovergleich der Modeling-Pioniere.
Eine entscheidende Rolle spielte dabei Line 6: Geräte wie der AxSys 212 und vor allem der 1998 erschienene POD machten digitales Amp-Modeling massentauglich. Plötzlich konnte ein einziges Kompaktgerät verschiedenste Fender-, Marshall-, Vox- oder Mesa-Sounds mitsamt Cab-Simulation auf Knopfdruck bereitstellen. Frühe Modeler waren qualitativ noch weit von heutigen Benchmark-Modellen entfernt – das Konzept schlug dennoch ein: Gitarristen mussten nicht mehr eine ganze Verstärker-Armada besitzen, um unterschiedlichste Sounds abzurufen. In den folgenden Jahren wurde das Modeling durch Hersteller wie Fractal Audio, Line 6 oder später auch Neural DSP immer komplexer und auch realistischer.
Einen weiteren Wendepunkt markierte der Kemper Profiling Amplifier. Statt ausschließlich auf vorgefertigte Amp-Modelle des Herstellers zurückzugreifen, konnten Musiker nun ihr eigenes Verstärker-Setup nutzen und daraus ein digitales Profil erstellen. Die moralische Frage, ob das Klonen von Amp-Sounds anderer Hersteller in Ordnung ist, steht dabei auf einem anderen Blatt. Nichtsdestotrotz hatte sich die „Kopie“ endgültig vom bloßen Nachbau eines Schaltplans emanzipiert. Mittlerweile findet man vergleichbare Ansätze – ob Profiling, Capturing oder andere Bezeichnungen – in zahlreichen Hard- und Softwarelösungen.
Fazit: Ohne Kopien keine Gitarrengeschichte?
Der Begriff „Kopie“ besitzt gerade im Musikinstrumentenbereich einen negativen Beigeschmack. Das ist auch nicht ganz unberechtigt, denn billige Nachbauten, Ideenklau oder Plagiate sollte man kritisch sehen. In der Geschichte des Gitarren-Equipments ist dennoch Differenzierung angebracht.
Viele Nachbauten beschränken sich nicht darauf, ein erfolgreiches Produkt 1:1 zu reproduzieren, sondern beseitigen Schwächen, erweitern dessen Möglichkeiten oder passen das Konzept an zeitgemäße Anforderungen an. Ohne den Fender Bassman hätte es den Marshall JTM45 in dieser Form vermutlich nie gegeben, und mit Modeling beziehungsweise Profiling wurde das Kopieren eines Sounds schließlich selbst zur technischen Innovation.
Kopien und Neuinterpretationen haben außerdem den praktischen Nebeneffekt, dass sie viele Sounds erschwinglicher machen. Klangwelten, die früher seltenen Vintage-Geräten, sündhaft teuren Boutique-Amps oder kaum erhältlichen Pedalen vorbehalten waren, stehen heute deutlich mehr Musikern offen. Nicht jeder kann sich einen originalen Dumble, einen alten Plexi oder einen Klon Centaur leisten – eine gute Interpretation kann jedoch den Zugang zu diesen Sounds bieten.
Entscheidend ist daher am Ende nicht die Herkunft einer Idee, sondern, was daraus entsteht. Fakt ist: Die spannendsten Kopien reproduzieren ihr Vorbild nicht einfach, sondern verbessern, verändern oder interpretieren es so erfolgreich neu, dass sie irgendwann selbst kopiert werden.
























