Ein Drummer wie Steve Jordan braucht keine Vorstellung: Nicht nur dass er seit einigen Jahren in der dienstältesten Rockband der Welt, den Rolling Stones, Schlagzeug spielt, Jordan hat auf eine Recording- und Tourhistorie zu verweisen wie wenige andere. Wenn er sich ans Drumset sitzt, dann fliegt einem der Groove nur so um die Ohren, und das wissen die großen Acts. Dabei ist Jordan ein Drummer, der nicht auf das Virtuose, nicht auf das Aufdringliche setzt, sondern vielmehr durch sein persönliches Gespür für Sound, Feel und Song genau das herauskitzelt, was dieser braucht, um zu funktionieren – und das auf eine Art und Weise, in der es eben nicht passiert wäre, würde nicht Steve Jordan am Drumset sitzen.

Einen Groove über mehrere Minuten ohne ein einziges, noch so kleines Fill variationslos, mit durchdachter und kontrolliertester Dynamik sowie klanglicher Feinabstimmung durchzuhalten und dabei nicht eine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen, das ist freilich die höchste Stufe der Schlagzeugkunst. Diese mag zwar in sich wenig spektakulär erscheinen, aber dafür erreichen sie umso weniger Drummer. Hier spielt Jordan seine jahrzehntelange Erfahrung kraftvoll und auch mit entsprechender Überzeugung aus. Wir haben ihn im Rahmen der Europe Drum Show in Friedrichshafen treffen dürfen und konnten folgendes Gespräch mit ihm führen.
Woran arbeitest du aktuell?
Derzeit an einem neuen Album von The Verbs, zusammen mit meiner Frau an den Lead-Vocals und der Gitarre. Dabei spiele ich auch ein wenig Bass und Gitarre. Ein paar Background-Vocals kommen zudem von mir. The Verbs liegt mir eigentlich herzensmäßig am nächsten – was natürlich auch mit meiner Frau zu tun hat. Die Band macht musikalisch, was uns beiden besonders gefällt. Meine Frau spielte seinerzeit in All-Girl-Bands, unter anderem im CBGB [New Yorker Musikclub]. Dort wollte ich mit meiner Band damals auch immer spielen – aber irgendwie waren wohl nicht gut genug [lacht]. Der Besitzer des CBGB hat ihre Band sogar eine Zeitlang gemanagt. Wir lieben jedenfalls die Ramones genauso wie die Temptations. Außerdem haben wir beide einen klassischen Hintergrund. Daher sind uns Songs als solche sehr wichtig – Songs, die für sich selber sprechen und die uns ganz deutlich sagen, was wir zu spielen haben.
Das ist ohnehin bei allem, was ich mache, mein Ansatz. Es macht einfach Spaß, mit seinem engsten Freund und größten Unterstützer zu arbeiten: Es ist grandios, gemeinsam aufzuwachen und zu hören, wie sie an einem neuen Song arbeitet oder zusammen an einem Song zu schreiben. Es ist ein Segen, und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Alles andere baut sich drumherum auf: Im Sommer werde ich mit Buddy Guy im Studio sein und ein Album mit ihm produzieren. Gerade erst habe ich Robert Crays neues Album fertiggestellt, und wir haben auch schon einige Shows gespielt.
Zudem arbeite ich seit zehn Jahren an einer Dokumentation über Willie Mitchell [Memphis-Soul-Produzent, 1928-2010], und wir werden wohl in diesem Jahr fertig damit. Dann wird ein posthumes Tony-Joe-White-Album [US-Gitarrist, 1943-2018] erscheinen, für das wir bis kurz vor seinem Tod aufgenommen haben. Es gibt also viele tolle Musik, an der ich derzeit stolz arbeite, und das macht mein Leben sehr aufregend – unter diesen allgemein schwierigen Umständen. Diese Musik hilft uns durch all den Wahnsinn, für den ein paar korrupte und bösartige Menschen verantwortlich sind.
Das ist einfach verrückt, hält uns aber andererseits auch auf unserer Mission: Wir wollen etwas erschaffen, der Welt Freude schenken oder sie zum Nachdenken anregen, und Kunst im Allgemeinen ist ohne Zweifel der beste Weg, das zu tun – insbesondere wenn manche Menschen dir vorschreiben wollen, wie dies und jenes auszusehen hat. Wir sind auf unserer Mission.

Du produzierst ja sehr viel, wie es oft gerade Drummer tun. Gibt es eine besondere Verbindung zwischen dem Produzieren und dem Schlagzeugspielen?
Ich kann natürlich nur über die Art und Weise sprechen, wie ich die Sache sehe: Es gibt meiner Meinung nach eine fast forensische Herangehensweise, wenn ein Drummer Produzent wird: Sagen wir, du bist Schlagzeuger auf einer Recording-Session und irgendetwas läuft schief, Produzent oder Künstler sind nicht zufrieden. Dann schauen sie in neun von zehn Fällen auf den Drummer: Dieser Kerl muss etwas falsch machen – selbst wenn du den perfekten Take spielst [lacht]. Wenn du also weißt, dass genau das passieren wird, trainierst du nach und nach, zu entziffern, was denn da tatsächlich falsch läuft: Dir fällt vielleicht auf, dass der Bass treibt, die Pocket beim Pianisten nicht so toll ist, der Gitarrist das falsche Feel spielt oder was auch immer.
Du als Drummer bemerkst so was, selbst wenn Produzent oder Künstler das Problem gar nicht so genau benennen können. Sie merken nur, dass irgendetwas nicht stimmt und es mit großer Wahrscheinlichkeit am Drummer liegen muss – die Drums sind nun mal die Basis von allem. Die Fähigkeit, ein solches Problem genau zu lokalisieren, wird also Teil deines Skill-Sets – und ist eine Säule des Produzierens allgemein.
Das genau lernst aus deinem eigenen Überlebenskampf als Drummer im Studio zwangsläufig: Du stehst halt, sobald irgendetwas schief läuft, automatisch im Fadenkreuz [lacht]. Wenn du viele Sessions spielst, dann wirst du immer besser darin, und es wird eine Art zweiter Natur. Zudem erkennst du irgendwann die Leute, denen das alles genauso auffällt. Mit diesen Musikern umgibst du dich dann zwangsläufig lieber, denn sie verstehen die DNA des Prozesses, einen Song im Studio zu erschaffen. Das ist etwas ganz anderes, als live zu spielen. Vielleicht ist das der Grund, warum gerade Drummer oft eben auch Produzenten sind.
Einer meiner Alltime-Lieblingsproduzenten, Jimmy Miller [US-Produzent, 1942-1994], war ebenfalls Drummer: Er brachte in den Sixties dieses amerikanische Funk-Rhythmus-Ding nach England, wo er mit Steve Winwood, Spencer Davis und natürlich an den frühen Alben der Rolling Stones arbeitete. Miller hat den Stones den Funk gebracht, daran besteht meiner Meinung nach überhaupt kein Zweifel.
Das ist heute deine Aufgabe…
Ja. – Miller ist jedenfalls mein Favorit, wenn’s um Drummer/Produzenten geht. Aber im Grunde müsste jeder dieser oft aufgenommenen Drummer, beispielsweise Earl Palmer [US-Drummer, u. a. im Motown-Studio, 1924-2008] oder Hal Blaine [US-Drummer, u. a. in der „Wrecking Crew“, 1929-2019], aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten als Produzent aufgeführt werden: Sobald du einen gewissen „tone“ für eine Session setzt, bist du als Drummer automatisch ein Co-Produzent.
Blaine zum Beispiel hat diesen Credit nie bekommen, aber er war es, der den Sound eingebracht, das Feel kreiert und so vieles mehr hinzugefügt hat, ohne das ein bestimmter Song einfach nicht so funktioniert hätte, wie er es getan hat. Er war keinesfalls nur ‚der Drummer‘. Das ist immer noch eine meiner Schwierigkeiten mit dem Crediting-System, unter dem wir vor allem in den Vereinigten Staaten arbeiten: Man möchte das Meiste von dir haben, aber nur das Geringste an dich bezahlen. Das ist eine typisch westliche Sicht der Dinge, in anderen Kulturen sieht das unter Umständen völlig anders aus.

Stellen wir uns mal die Situation vor, du bist im Studio und irgendetwas läuft einfach nicht ‚rund‘. Wie findest du den Funken, der einen Song zünden lässt? Es liegt ja nicht unbedingt am eigentlichen Groove, den du spielst…
Es gibt ein perfektes Beispiel für eine solche Situation: Ich war seinerzeit im Power Station Studio A in New York und habe mit Chrissie Hynde, eine meiner Alltime-Favoriten, den Song „Don’t Get Me Wrong“ [auf dem Album „Get Close“, 1986] aufgenommen. Ganz am Anfang der Recording-Sessions, an denen übrigens mehrere Drummer beteiligt waren, lief irgendwas überhaupt nicht. Jetzt hatte man schon diesen supertollen Steve-Jordan-Typ engagiert [lacht], und es lief trotzdem nicht?!
Also habe ich die Situation analysiert: Es gab seinerzeit einen noch ziemlich chauvinistischen Ansatz, bei dem Chrissie als Gitarristin und Songwriterin nicht unbedingt im Fokus stand – sie prägte aber meiner Meinung nach den Sound der Band, und zwar zentral. Als Gitarristin war sie aber nicht sonderlich präsent im Mix in unseren Kopfhörern. Da war vielmehr Robbie McIntosh [Pretenders-Gitarrist] deutlich zu hören. Zum Pretenders-Sound gehört aber eben mehr.
Nach einigem Überlegen, woran es denn liegen könnte, dass es nicht „Click“ macht, sagte ich ganz deutlich in Richtung Kontrollraum, dass Chrissies Gitarre überhaupt nicht zu hören war und somit etwas Wesentliches am Bandsound fehlte. Macht sie lauter! Und schon lief der Song – weil man ihn endlich im richtigen Bandsound hören konnte. Tadaa! Der Rest ist Geschichte.
Dein Schlagzeugspiel selbst hast du gar nicht verändert?
Nein, nicht mal die kleinste Kleinigkeit. Ich habe einfach bei den Aufnahmen ganz genau zugehört, was der Rest wohl nicht so sehr gemacht hat. Also klang das Ganze auch nicht nach Pretenders. Das meine ich mit einer westlichen Produktionsweise. Als ich das Problem lokalisiert hatte, was ja gar nicht mein Job war [lacht], lief es. Ich war, und damit kommen wir zur Frage nach produzierenden Drummern zurück, so etwas wie „ghost producer“ bei diesem Song [lacht].
Wie justierst du den Sound deines Drumsets während einer Session beziehungsweise wie hörst du heraus, was der Song von dir braucht?
Mein Ansatz hat sich eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten nie verändert: Ich spiele in erster Linie für den Song. Dafür muss ich ihn natürlich erst einmal hören. Nehmen wir noch mal das Beispiel von Chrissie Hynde und „Don’t Get Me Wrong“: Sobald ich den Song hörte, hörte ich auch den Groove, und genau so ist er auf dem Album gelandet. Es ist halt nur so: Niemand außer mir hörte diesen Groove [lacht]. Das ist ziemlich verrückt, aber die Wahrheit. Robbie [McIntosh] kam dann auf diesen tollen Part, der mit meinen Drums zusammenlief. Daher kommt dieser Nach-vorne-Schub in dem Song [singt vor].

Hat die Tatsache, dass du jetzt Drummer der Rolling Stones bist, irgendwelche Auswirkungen auf deine tägliche Arbeit?
Nein, nicht wirklich.
Warum?
Nun, die Stones sind ja zurzeit nicht auf Tour oder Ähnliches [das Interview fand vor der Ankündigung des kommenden Rolling-Stones-Albums „Foreign Tongues“ statt]. Ich bin Drummer für so viele andere Bands. Auch die Stones sind schlussendlich eine Band [lacht]. Nein, im Ernst: Es wäre wohl eine andere Situation, wenn wir viel gemeinsam arbeiten oder kommunizieren würden. Aber so ist es nicht, und ich stehe auch nicht im Zentrum der Band.
Verstehe es nicht falsch: Ich liebe es natürlich, mit den Stones zu spielen – weil ich die Art und Weise liebe, wie Charlie [Watts, 1941-2021] mit den Stones gespielt hat. Ich versuche, sein Erbe auf eine ehrliche Art aufrechtzuerhalten und seinen Fußabdruck zu respektieren. Es geht mir nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Ich bin einfach ein Fan von Stones-Platten, vor allem eben denjenigen, die Jimmy Miller produziert hat. Insofern bin ich auch eher an den Original-Studioaufnahmen interessiert als an dem, wozu sich die Songs über die Jahrzehnte entwickelt haben.

Na ja, keine andere Band hat schließlich auch eine so lange Livegeschichte…
Genau. Wenn man 60 Jahre gemeinsam Musik macht, dann spielt man die Songs sicher nicht mehr auf die gleiche Art und Weise wie am Anfang – und möchte das auch nicht. Auf der anderen Seite muss man sich aber an den Kern der Songs und das, was sie ausmacht, erinnern und diesen wieder herausarbeiten. Das ist meine Aufgabe – oder zumindest habe ich sie so definiert, als ich anfing, mit den Stones zu spielen. Ich wollte die Jungs auch ein wenig daran erinnern, wie toll gerade diese frühen Alben waren und sind. Also habe ich begonnen, Charlies Originalbeats wieder mehr ins Zentrum zu rücken. Charlie selber hatte die auch ein wenig aus den Augen verloren, schätze ich. Vielleicht spielte eine gewisse Routine nach 60 Jahren hier eine Rolle – das kann man sicher niemandem zum Vorwurf machen.
Ich versuche, Charlie Watts’ Erbe auf eine ehrliche Art aufrecht zu erhalten und seinen Fußabdruck zu respektieren.
War es direkt klar, dass du bei den Stones auch ein Gretsch-Drumkit spielen würdest?
Ja, auf jeden Fall. Es gab da keine Frage. Das ist einfach der Drumsound, der zu dieser Band gehört, und es gab nicht einmal einen Bruchteil einer Sekunde der Überlegung [lacht]. Das konnte noch nicht einmal die Tatsache ändern, dass Charlie ganz am Anfang der Rolling Stones ein Ludwig-Kit gespielt hat, zum Beispiel, meine ich, auch bei „(I Can’t Get No) Satisfaction“ [1965].
Hast du jemals darüber nachgedacht, Charlies persönliches Kit auf Tour zu spielen?
Nein, auf keinen Fall.

Was steht als Nächstes bei dir auf dem Plan?
Sobald ich wieder in den Staaten bin, werde ich am The-Verbs-Album weiterarbeiten. Es wird „Garage Sale“ heißen. Das ist im Moment meine Priorität, und ich möchte davon so viel wie möglich fertigstellen, bevor ich mit Buddy Guy ins Studio gehe. Wieder mit Willie Weeks [US-Bassist, u. a. auf Tour mit Eric Clapton] zu spielen, wird sicher reizvoll. Auch die Arbeit mit Jon Batiste [US-Songwriter und mehrfacher „Grammy“-Preisträger], wie bereits in den letzten paar Jahren, wird sicher spannend. Seine Energie ist einfach so positiv, dass es einfach Spaß macht, ihn in seiner Umgebung zu haben. Wir haben auf sehr vielen Ebenen Verbindungen.
Vor anderthalb Jahren waren Jon, ich und Pino Palladino [britischer Bassist] im Studio und haben ein paar Dinge aufgenommen, die wir jetzt noch abschließen müssen. Ich bin zudem auch noch einer der Artistic-Directors für die Jazz Foundation of America, die Events veranstaltet, um Geld für bedürftige Musiker zu sammeln. Die Arbeit mit der Foundation ist großartig, weil wir Musiker unterstützen können, die dringend Hilfe brauchen – egal welche Art von Hilfe. Zudem können wir Musikern ein Forum in Sachen Jazz und Blues bieten, um sie in der Welt bekannter zu machen. Die Shows sind immer spannend, und es gibt tolle Kollaborationen.
Wann geht’s für dich wieder „on the road“?
Das weiß ich noch nicht. Was ich derzeit mache, hat in erster Linie mit Studioarbeit zu tun. Davon ausgenommen ist nur eine große Show im Herbst zu Buddy Guys 90. Geburtstag. Da bin ich Musical-Director. Das Ganze wird in der Radio City Music Hall [in New York] stattfinden. Was das eigentliche Touren angeht, geht’s wohl Ende des Jahres mit The Verbs in Japan wieder los. Es könnte aber auch erst 2027 soweit sein – es sei denn, ich bekomme das Album so schnell wie möglich fertig [lacht].

Biografie:
Steve Jordan wurde 1957 geboren. In den späten Siebzigerjahren machte er sich als Drummer von „Saturday Night Live“ und der „Late Night Show“ mit Dave Letterman einen Namen, spielte früh mit Stevie Wonder, den Blues Brothers und gehört seither zu den meistgebuchten Sessiondrummern der Welt. Er arbeitete u. a. mit Bob Dylan, B. B. King, Stevie Nicks, Neil Young, Sheryl Crow, Keith Richards, John Mayer, Eric Clapton und unzähligen anderen. Seit dem Tod von Charlie Watts (2021) ist Steve Jordan Schlagzeuger der Rolling Stones. Als Produzent wurde er mit zwei „Grammys“ ausgezeichnet und mehrfach nominiert. Neben alledem ist Jordan mit seiner Band The Verbs, zusammen seiner Frau Meegan Voss, aktiv.
Diskografie (Auswahl):
- The Rolling Stones: Hackney Diamonds (2023), Foreign Tongues (2026)
- Eric Clapton: Live in San Diego (2017), Forever Man (2015)
- The Verbs: And Now…The Verbs (2014), Cover Story (2015)
- John Scofield: That’s What I Say (2005)
- John Mayer: Continuum (2006), Battle Studies (2009)
- John Mayer Trio: Try (2005)
- Boz Scaggs: Memphis (2013)
- Sonny Rollins: Sonny Please (2006)
- Bruce Springsteen: Devils & Dust (2005)
- The Fabulous Thunderbirds: High Water (1997)
- Dave Sanborn: Upfront (1992)
- Neil Young: Landing on Water (1986)
- Keith Richards: Talk Is Cheap (1988)
- u. v. m.

Equipment:
- Drums: Gretsch
- Cymbals: Paiste
- Sticks: Vic Firth
- Heads: Remo
- Hardware: Yamaha Crosstown

























