1976 erschien vor 50 Jahren Oxygène das elektronische Meisterwerk von Jean-Michel Jarre. Zum Jubiläum wird das Album neu aufgelegt und erscheint in einer Dolby-Atmos Mischung. Gleichzeitig blicken wir auf das Werk zurück.

50 Jahre Oxygène
Zum 50-jährigen Jubiläum wird am 20.11.2026 eine neue Auflage von Oxygène erscheinen. Das 2026-Remaster wurde auf Grundlage der Originalbänder von 1976 erstellt. Man hat mir im Vorfeld schon das neue Master zur Verfügung gestellt, und ich kann nur sagen, dass ich Oxygène noch nie so glasklar gehört habe. Die Mischung klingt wirklich brillant und ätherisch.
Das Werk wird auf 180g schweren Vinyl erscheinen, das von Miles Showell in den Abbey Road Studios im Half-Speed-Verfahren gemastert und geschnitten wurde. Deswegen gab es also mehrere Fotos in der letzten Zeit von Jarre vor den Abbey Road Studios! Die neue Mischung wird auch auf CD und auf farbigem Öko-Vinyl veröffentlicht. Ausserdem erscheint ein Deluxe Bluray Mediabook, auf dem sich eine Dolby-Atmos-Mischung, ein 5.1-Mix und das neue Remaster befinden. Auf der Bluray ist auch Archivmaterial zu finden.
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Oxygène – Der Dolby Atmos Mix
David Kosten ist für die Dolby Atmos Mischung verantwortlich und sein Ziel war es den charakteristischen Klang der ursprünglichen Aufnahme zu bewahren. Oxygène wurde nur auf acht Spuren aufgenommen und lebt von dieser sparsamen Produktion und dem Einsatz der Revox-Bandechos. Der neue Mix löst die extreme Verteilung von trockenem Signal und Echo im Stereobild teilweise ab und nutzt stattdessen den dreidimensionalen Raum von Dolby Atmos. Die schwebenden Echos bewegen sich nun durch den Raum, während beispielsweise die Drums und Bässe in Oxygène 5 um den Hörer kreisen und die Meeresgeräusche aus Oxygène 6 von vorne nach hinten durch den Raum wandern. Die Arbeiten wurden gemeinsam mit Jarre in den QDS Studios in Paris den letzten Schliff verliehen.

Was ist noch zum 50-jährigen Jubiläum geplant?
Das Album Oxygène erschien 1976 zuerst in Frankreich und wurde dann 1977 weltweit veröffentlicht. Es ist deswegen davon auszugehen, dass die Feierlichkeiten bis in das Jahr 2027 dauern werden. Am 21.10.2026 wird er auf dem Amsterdam Dance Event auftreten, wo er das immersive Konzert „OXYGENE & BEYOND: A SONIC JOURNEY CELEBRATING 30 YEARS OF ADE” präsentieren wird. Das Konzert ist leider ausverkauft. Am 29.10.2026 erscheint das Buch „MACHINES: A HISTORY OF ELECTRONIC MUSIC”, in dem er 130 Synthesizer aus seiner Sammlung vorstellt. Wir berichteten hier darüber.

Eine kleine Oxygène Geschichte
Oxygène hat einen ganz eigenen Stil, der sich deutlich von der damals gängigen elektronischen Musikszene abhebt. Die damals aktiven Tangerine Dream, Kraftwerk, Klaus Schulze, Wendy Carlos und Vangelis unterscheiden sich hörbar von Jean-Michel Jarre. Viele halten Oxygène für Jarres Erstlingswerk, doch das zuvor entstanden Desert Palace und der Soundtrack Les Granges Brûlées unterscheiden sich grundlegend von Oxygène. In ihnen ist nichts von der Melancholie, Zeitlosigkeit und einmaligem Sounddesign zu hören. Diese Alben sind gnadenlos gefloppt. Zwar hatte Jarre sich in Frankreich als Texter („Les mots bleus” von Christophe) einen Namen gemacht, blieb aber relativ unbekannt.

Was macht den Sound von Oxygène aus?
Wie gelang es Jarre, dass er nach zwei Alben ein Meisterwerk erschaffen konnte, dass zu einem zeitlosen Meisterwek wurde? Die ersten beiden Alben sind nur mit dem EMS VCS3 entstanden. Danach rüstete Jarre sein Studio auf. Zum VCS 3 gesellten sich ein ARP 2600, der RMI Harmonic Synthesizer, eine Farfisa-Orgel, ein Eminent 310 ein Mellotron und die Drum Machine Korg Mini Pops.
Oxygène wurde in der Küche von Jean-Michel Jarre aufgenommen, die auf dem Album als Privatstudio bezeichnet wird. Weil Tonstudiozeit damals sehr teuer war, konnte Jarre im Heimstudio ohne Zeitdruck Klangforschung betreiben. Das Album wurde auf acht Spuren aufgezeichnet und ist zudem Jarres erstes Album, das in einem professionellen Tonstudio (Gang Studio Paris) gemischt wurde. Die damalige Mischung verdanken wir Jean-Pierre Janiaud und seinem Assistenten Patrick Foulon.

Ein paar Oxygene Tricks
Vor 50 Jahren war die Welt der elektronischen Musik noch nicht so definiert wie heute und die Szene relativ überschaubar. Deshalb komnnte man noch mit einfachen Mitteln eine große Wirkung erzielen
Eine Eminent 310 String Sektion ist für sich genommen nicht sonderlich interessant. Jarre schickte sie jedoch durch einen EHX Small Stone Phaser. Das wurde zu einem Trademark-Sound von Jarre, denn Pads mit diesem Phaser-Effekt assoziiert man sofort mit Jarre.

Auch das Mellotron M400 spielte eine ungewöhnliche Rolle bei der Entstehung von Oxygène, weil nur ein Teil der Tasten noch funktionierte. Jarre nutzte die verfügbaren Töne und setzte sie für die charakteristischen Chorklänge von Oxygène 2 ein. Die technische Einschränkung wurde damit sogar zu einem kompositorischen Faktor. Jarre zufolge waren die funktionierenden Noten ausschlaggebend für die Tonart des Stücks.

Eine zentrale Rolle spielten außerdem die Revox-Bandmaschinen B77, mit denen Jarre seine charakteristischen Bandechos erzeugte. Er nahm einen Klang auf und erzeugte mit der Revox eine leicht verzögerte Wiederholung desselben Signals. Anschließend legte er beide Signale nahezu gleich laut übereinander und verteilte sie unterschiedlich im Stereobild. So entstand aus einem eigentlich einfachen Klang ein ungewöhnlich breiter und räumlicher Sound. Durch die zeitliche Verschiebung wirkt die Wiederholung dabei fast wie eine zweite Version des ursprünglichen Klangs und verleiht ihm eine enorme Tiefe. Jarre selbst schätzt, dass diese Delays 40 bis 50 Prozent des Sounds von Oxygène ausmachen. Diese Prozentzahlen variieren immer mal wieder in seinen Erzählungen. 😉

Das Oxygène Cover
Ein Gesamtkunstwerk zeichent sich dadurch aus, dass alle Elemente perfekt zusammenpassen. Das Cover von Oxygène und die Musik biden eine perfekte Einheit. Es stammt von dem französischen Künstler Michel Granger und zeigt eine verstümmelte Erde, in deren Inneren sich ein Totenschädel befindet. Von der Oberfläche hängen Fleischfetzen herab, wodurch der Planet selbst wie ein verwundeter, sterbender Körper erscheint. Granger schuf das Bild bereits 1973.
Gerade deshalb wirkt das Motiv aus heutiger Sicht erstaunlich vorausschauend: Zu einer Zeit, als die Verletzlichkeit unseres Planeten noch längst nicht die heutige öffentliche Aufmerksamkeit besaß, stellte Granger die Erde bereits als zerbrechlichen und bedrohten Lebensraum dar. Das Zusammenspiel zwischen diesem verstörenden Bild und der warmen, melancholischen und zugleich entrückten Musik von Oxygène ist besonders wirkungsvoll. Das Artwork verstärkt damit die melancholische Grundstimmung des Albums und verleiht ihr eine zusätzliche, geradezu prophetische Ebene.

Hier ist erst mal Schluss
Natürlich gibt es noch viel mehr über Oxygène zu erzählen. Es stellt sich die Frage nach der Rolle seines Assistenten Michel Geiss, der Rolle seines Vaters, des weltberühmten Filmkomponisten Maurice Jarre und seiner Mutter France Pejot, die als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg von den Nazis in ein KZ gesperrt wurde. Außerdem erschien Oxygène auf dem Höhepunkt der Punkbewegung und es stellt sich die Frage, wie dies in diese Zeit passt. Darüber und noch vieles mehr werde ich zu einem spätern Zeitpunkt berichten.

Links
Jean-Michel Jarre „Machines”: A History of Electronic Music Buch
Interview mit Jean Michel Jarre
Das erste Album von Jean-Michel Jarre wurde neu veröffentlicht!
Die Geschichte der elektronischen Musik #11

























