Was ist P-Funk? Geschichte, Sound und Einfluss von Parliament & Funkadelic

“P-Funk? Da war doch was … ?!?” Der Begriff bzw. das Genre „P-Funk” wird in Interviews und Stories immer wieder als wesentlicher Einfluss aufgezählt, und Auszüge von P-Funk-Tracks dienen bis heute als Basis zahlreicher Hiphop-Tracks. Was aber versteht man unter P-Funk, und was macht dieses verrückteste Kapitel der Funkgeschichte aus? Zu welchem Zeitpunkt entstand der P-Funk, und was hat seine Protagonisten angetrieben? In diesem Artikel wollen wir diesen Fragen auf den Grund gehen und damit ein musikalisches Universum beleuchten, welches die wahrscheinlich verrückteste fiktive Background-Story in der Musikgeschichte aufweist. Kleiner Teaser am Rande: In einem in Kürze erscheinenden zweiten Artikel zu diesem Thema präsentiere ich eine Auswahl der besten Basslines aus dem P-Funk.

P-Funk George Clinton
George Clinton gilt als Begründer des P-Funk. (Bild: Alamy / Mariano Garcia)

Was bedeutet der Name „P-Funk“?

Die Bezeichnung „P-Funk“ wird unterschiedlich erklärt. Zum einen steht sie für „Parliament-Funkadelic“ und damit für das gesamte von Begründer George Clinton geschaffene musikalische Universum. Zum anderen taucht „P-Funk“ als Bezeichnung für „Pure Funk“ beziehungsweise „Pure And Uncut Funk“ auf – prominent etwa im Song „P. Funk (Wants to Get Funked Up)“ auf dem 1975 erschienenen Album „Mothership Connection“. Auch „Plainfield Funk“ wird als mögliche Bedeutung genannt und verweist auf Plainfield, New Jersey, wo George Clinton seine musikalischen Anfänge hatte.

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Wie verlief die geschichtliche Entwicklung des P-Funk?

Wie zahlreiche andere gute Geschichten beginnt auch diese zunächst ganz schnöde in einem Friseursalon: Dessen Inhaber George Clinton erwartete mehr von seinem Leben als lediglich die Haare seiner Kundschaft zu schneiden. Clinton gründete daher bereits im Jahr 1955 eine fünfköpfige Vocalgruppe namens „The Parliaments“. So richtig wollte sich der Erfolg jedoch leider zunächst nicht einstellen.

In den 1960er-Jahren pendelte Clinton zunehmend zwischen New Jersey und Detroit, wo er als Songwriter und Produzent arbeitete. Dort kam er mit zahlreichen neuen musikalischen Einflüssen und Musikern in Kontakt. Doch auch wenn die beteiligten Musiker immer wieder wechselten: Den Namen “The Parliaments” behielt Clinton bei und hatte 1967 mit ‚(I Wanna) Testify‘ beim Label Revilot Records schließlich einen ersten Achtungserfolg.

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Einflüsse wie die Hippieszene mit Bands wie Sly & The Family Stone oder Jimi Hendrix, aber auch so einige bewusstseinserweiternde Substanzen, bewegten George Clinton in dieser Zeit zu einem musikalischen Wandel. Aufgrund von Problemen mit dem Plattenlabel sowie den Namensrechten begann Clinton, die beteiligten Musiker zunächst unter dem neuen Namen “Funkadelic” aufzunehmen. Aus dieser anfangs pragmatischen Lösung entwickelte sich schon bald eine eigenständige Band mit einem psychedelischeren und rockigeren Sound.

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George Clinton schaffte es, Funk, Soul, Gospel, Rhythm’n’Blues und Rock zu seiner ganz eigenen Mischung zu verschmelzen. Für dieses mutige Unterfangen scharte er eine große Zahl verschiedener Musikerinnen und Musiker um sich, die neugierig auf diesen neuen Sound waren und ein Teil von ihm werden wollten. Während die ersten Alben mit Drums, Bass, Gitarre, Piano und Bläsern noch vergleichsweise traditionell besetzt waren, sollten in der Folge schnell Synthesizer den großen Anteil am Bandsound übernehmen.

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1970 hatte Clinton die Rechte am Namen „Parliament“ zurückerlangt und veröffentlichte unter diesem Namen das Album „Osmium“. Funkadelic verfolgte er parallel weiter. Ab 1974 nahm Parliament mit „Up for the Down Stroke“ wieder Fahrt auf und entwickelte sich neben Funkadelic zum zweiten zentralen Standbein des P-Funk-Universums.

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Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird die Bandgeschichte etwas verwirrend: Im Laufe der 1970er wuchs das Kollektiv immer weiter und umfasste zeitweise bis zu 70 Musikerinnen und Musiker. Nicht wenige von ihnen hatten zuvor in der Band von James Brown gewissermaßen ihren „Abschluss in Sachen Funk“ gemacht. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten unter anderem Basslegende Bootsy Collins, Keyboarder Bernie Worrell, oder Saxofonist Maceo Parker. 1978 stieß auch der noch junge Schlagzeuger Dennis Chambers zu Parliament/Funkadelic.

Eine große bunte Familie: George Clinton (Mitte) im Kreise nur einiger der Musikerinnen und Musiker des Parliament/Funkadelic-Universums. (Bild: Alamy / Abaca Press)

Irgendwann waren mehrere Bands wie Parliament, Funkadelic, Bootsy’s Rubber Band, The Brides Of Funkenstein, Parlet, Horny Horns, P-Funk Allstars etc. unterwegs, die aber nicht selten aus den gleichen Musikern bestanden. Zwischen 1975 bis 1980 wegweisende Alben veröffentlicht, darunter „Up for the Down Stroke“, „Chocolate City“, „Mothership Connection“, „The Clones of Dr. Funkenstein“ und „Motor-Booty Affair“.

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Anfang der 1980er-Jahre begann die P-Funk-Maschine zunehmend auseinanderzufallen. Neben internen und rechtlichen Konflikten spielten auch Clintons massive Drogenprobleme und die daraus resultierenden persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten eine wichtige Rolle. 1980 erschien das letzte Album von Parliament, 1981 das letzte von Funkadelic.

Zwar landete George Clinton im Jahr 1982 mit „Atomic Dog“ noch einmal einen Hit, doch danach wurde es für lange Zeit ruhiger um das P-Funk-Universum. 2014 veröffentlichte Funkadelic mit “First Ya Gotta Shake the Gate” erstmals seit 1981 wieder ein neues Studioalbum, und 2018 folgte mit „Medicaid Fraud Dogg“ das erste neue Parliament-Album seit 38 Jahren.

p-funk parliament/funkadelic
Fotostrecke: 2 Bilder George Clinton verstand es schon immer, ganz unterschiedliche Artists um sich zu scharen. Nicht zuletzt deswegen wurden seine Konzerte (Bild: Alamy / Mariano Garcia) …

Was ist die Mythologie des P-Funk?

Was P-Funk so einzigartig macht, ist die ganz eigene fiktive Mythologie, welche immer wieder weiter ausgebaut wurde. Ihren Kern bildet der uralte Kampf zwischen Gut und Böse. Ein wiederkehrendes Motiv ist „Funkadelica“, eine utopische Welt bzw. ein idealer Zustand, in welchem „Funk“ für Freiheit, Gemeinschaft, sexuelle Energie und geistige Befreiung steht. In der bewusst absurden P-Funk-Kosmologie wurde der Funk einst aus der Welt verbannt und unter anderem mit den Geheimnissen der ägyptischen Pyramiden (!) verbunden. Die „Afronauts“ und das “Mothership” stehen dabei für die Rückkehr des Funk und somit für die Befreiung der Menschheit.

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Symbolisch dafür steht die Figur Sir Nose D’Voidoffunk, die Gier, Krieg, Gewalt und sonstiges Übel repräsentiert. Sein Ziel ist es, den Funk zu zerstören und den Menschen die Lust auf „Party“ und „Tanz“ zu nehmen. Dafür nutzt er das sogenannte „Placebo Syndrome“: ein Zustand der seelenlosen Betäubung, Apathie und Konsumgier, in dem die Menschen den Kontakt zu echter Lebensfreude, dem echten Körpergefühl und dem wahren „Funk“ verloren haben. Sein positiver Gegenpart ist Starchild, der von Dr. Funkenstein beauftragt wurde, die Welt zu befreien und den Funk zurückzubringen. Starchild steht für die positive Kraft des Funk und nutzt die sogenannte „Funkentelechy“, während er mit seiner Bop Gun gegen Sir Nose kämpft.

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Dieses kuriose Universum wird stetig um mehr Protagonisten erweitert und in verschiedene Schauplätze verlegt (z. B. Atlantis). In den verschiedenen Geschichten gibt es immer wieder Momente, in denen der Funk über seine Gegenspieler triumphiert – und selbst Sir Nose D’Voidoffunk irgendwann das Tanzbein schwingt.

Die verschiedenen Bands und Projekte trugen jeweils ihre eigenen Figuren, Geschichten und Facetten zum großen Ganzen bei. Die Charaktere und Schauplätze waren auch häufig Teil der abgefahrenen Bühnenshows von Parliament und Funkadelic. Hinter dieser scheinbar abgedrehten Geschichte steckt jedoch auch eine deutliche sozialkritische Ebene: Der Kampf für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit wird zum Kampf um den Funk.

George Clinton live
Altmeister George Clinton auf der Bühne (Bild: Alamy / WENN Rights Ltd)

Was zeichnet P-Funk musikalisch aus?

Zunächst einmal haben wir es mit einem bunten Mix aus unterschiedlichen Genres zu tun, darunter Funk, Soul, Gospel, Rhythm’n’Blues, Rock, afrikanische Einflüsse und einiges mehr. Viele P-Funk-Tracks leben von einem satten Groove und dem kollektiven Zusammenspiel. Ausgedehnte Jams und lange Instrumentalpassagen sind keine Seltenheit, daneben existieren aber mitunter auch durchaus klar strukturierte Songs.

Viele Grooves kommen mit wenigen harmonischen Wechseln aus; manche zentrale Tracks basieren sogar über lange Strecken auf einem einzigen harmonischen Zentrum. Melodische Motive sind häufig eingängig und greifen nicht selten auf pentatonisches beziehungsweise bluesorientiertes Tonmaterial zurück.

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Die meisten Grooves basieren auf einer maximalen Verzahnung der Instrumente, was ja generell ein identitätsstiftendes Merkmal des Funk ist. Diese Herangehensweise erzeugt den für P-Funk typischen kollektiven Groove: Die einzelnen Instrumente greifen ineinander und bilden gemeinsam eine rhythmische Einheit, gleichzeitig bleiben die Arrangements häufig erstaunlich transparent. Die melodische und rhythmische Reduktion macht viele dieser Stücke unmittelbar eingängig: Die Songs gehen ins Ohr, lassen sich bereits beim ersten Hören mitsingen, bringen die Menschen auf der Tanzfläche in Bewegung und verbreiten gute Laune.

Bootsy Collins Spacebass
Fotostrecke: 2 Bilder Hier seht ihr Basslegende Bootsy Collins mit seinem Space Bass (Bild: Alamy/ ZUMA Press, Inc.) und …

Enorm prägend für P-Funk sind die verwendeten Sounds. Dies gilt in erster Linie für den intensiven Einsatz der zur damaligen Zeit relativ neuen Synthesizer. Der Keyboarder Bernie Worrell leistete hier in vielen Bereichen echte Pionierarbeit, indem er aus dieser neuen Technologie alles Machbare an fetten Sounds herausholte. Dasselbe gilt für Bassist Bootsy Collins, der mit zahlreichen Effektgeräten experimentierte, darunter Wah Wah, Envelope Filter, Fuzz, Phaser oder dem Mu-Tron III der Firma Musitronics, um seinen legendären „Space Bass Underwater Sound“ zu erzeugen. In Sachen Effektgeräte und Sound war Bootsy also ebenfalls ein klarer Pionier für den E-Bass.

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Worin besteht der Einfluss von P-Funk auf die heutige Musik?

Der P-Funk lebt bis heute weiter – besonders sichtbar ist sein Einfluss im Hiphop. Dessen musikalische Basis sind zumeist Samples, also kleine Versatzstücke aus anderen Songs, welche teilweise in Tempo, Tonhöhe und Sound verändert werden. Eine beliebte Quelle für diese Samples war anfangs die Musik von James Brown.

Ende der 80er-Jahre wurde dann aber auch das P-Funk-Universum bei Hiphop-Produzenten enorm populär: De La Soul, Arrested Development, Brand Nubian, der X-Clan, Ice Cube, Dr. Dre, Snoop Dogg und Digital Underground sind nur einige Acts, die Samples oder musikalische Elemente aus dem Parliament-Funkadelic-Kosmos verwendeten.

Aber auch viele weitere Strömungen des Funk nannten und nennen den P-Funk als wichtiges Vorbild, darunter Acts wie Cameo, Rick James – und sogar die Red Hot Chili Peppers. Sehr deutlich lässt sich der Einfluss des P-Funk auch in der Musik von Prince hören, vor allem auf seinen Alben der 70er- und 80er-Jahre:

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Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass einige Vertreter des P-Funk-Kollektivs erfolgreiche Solokarrieren hatten und haben. Vor allem der Name Bootsy Collins ist hier natürlich relevant. Natürlich tragen diese Musikinnen und Musiker den P-Funk und sein Erbe durch ihre Releases weiterhin hinaus in die Welt. Aus diesem Grund ist die musikalische DNA des P-Funk heute nahezu allgegenwärtig und beeinflusst noch immer nachfolgende Generationen – nicht selten, ohne dass diese sich dessen bewusst sind.

Es besteht also immer noch Hoffnung, dass die Menschheit irgendwann in ferner Zukunft Funkadelica erreichen wird … drücken wir ihr die Daumen!

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