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Alles über E-Bass-Mensuren

Short Scale, Medium Scale, Long Scale, Extra Long Scale, Multi Scale … wie bitte??? Ohne Frage stellt die Mensur (engl. Scale oder Scale Length) einen besonderen Aspekt bei der Konstruktion eines jeden E-Basses dar. Aber was hat es mit den unterschiedlichen Mensuren bei E-Bässen auf sich – und wozu existieren überhaupt verschiedene Mensurlängen, die scheinbar einträchtig nebeneinander existieren? Klingen verschiedene Mensuren unterschiedlich? Fühlen sie sich anders an? Oder sehen sie einfach nur unterschiedlich aus? Dieser Artikel liefert dir alle Antworten!

Bild: Shutterstock / Von: Be Good
Bild: Shutterstock / Von: Be Good
Inhalte
  1. Quick Facts: Was versteht man unter dem Begriff
  2. E-Bass-Mensuren sind auch immer Mathematik
  3. Beim E-Bass sind vier unterschiedliche Mensurlängen üblich
  4. Short Scale (auch: Shortscale)
  5. Medium Scale
  6. Long Scale (auch: Longscale oder Standard Scale)
  7. Extra Long Scale
  8. Sonderfall Multi Scale (auch: Multiscale) – Dingwall & Co.
  9. Fazit

Quick Facts: Was versteht man unter dem Begriff “Mensur” bei Saiteninstrumenten?

Der Begriff “Mensur” (oder engl. “Scale”) umschreibt die Länge der frei schwingenden Saite zwischen ihren beiden Auflagepunkten am Sattel (bzw. Nullbund, falls vorhanden) und der Reiterchen der Bridge. Mit “Mensur” ist also die Länge gemeint, die der Saite zum freien Schwingen zur Verfügung steht.
Nicht gemeint sind mit Mensur die Halslänge oder die Saitenlänge, auch wenn die Mensurlänge diese Faktoren durchaus beeinflusst. Hals und Saiten können natürlich niemals kürzer sein als die vorgegebene Mensurlänge. Ein E-Bass kann jedoch aufgrund einer langen Kopfplatte und eines ausgedehnten Bodies sehr lang aussehen, muss aber nicht zwangsläufig eine Longscale-Mensur umfassen.
Was immer architektonisch und designtechnisch zwischen Saitenaufhängung und Mechaniken geschehen mag – die Mensur stellt stets eine eigene feste Größe dar, welche durch die zwei Auflagepunkte der frei schwingenden Leersaiten definiert wird.

Dieses Bild verdeutlicht den Unterschied zwischen Mensur und der eigentlichen Saitenlänge am Instrument: Mit "Mensur" bezeichnet man lediglich den Bereich der Saite zwischen Reiterchen/Brücke und Sattel bzw. - so vorhanden - Nullbund an der Kopfplatte.
Dieses Bild verdeutlicht den Unterschied zwischen Mensur und der eigentlichen Saitenlänge am Instrument: Mit “Mensur” bezeichnet man lediglich den Bereich der Saite zwischen Reiterchen/Brücke und Sattel bzw. – so vorhanden – Nullbund an der Kopfplatte.

E-Bass-Mensuren sind auch immer Mathematik

Es war der griechische Mathematiker Pythagoras, der sich als erster schon in der Antike mit den Schwingungsverhältnissen von Saiten auseinandersetzte. Fest damit verbunden war die Erforschung der natürlichen Obertonreihe und des sich daraus ableitenden musikalischen Prinzips der Skalen, bzw. Tonleitern.

Ohne allzu tief in diese Thematik zu versinken, gibt es für den Bass mehrere grundsätzliche Faktoren, welche die Saitenschwingung entsprechend beeinflussen: Schwingungslänge, Saitenspannung und Saitenstärke (Masse). In Relation zur Saitenstärke und Masse wiederum stehen weitere Kategorien wie Material und Biegefestigkeit.

Beim E-Bass sind vier unterschiedliche Mensurlängen üblich

Im Laufe der Geschichte des E-Basses haben sich im Wesentlichen vier Mensurarten etabliert, die wir euch nachfolgend im Einzelnen vorstellen möchten:

  • Short Scale
  • Medium Scale
  • Long Scale
  • Extra Long Scale

Short Scale (auch: Shortscale)

Wie die Bezeichnung schon sagt, handelt es sich bei Instrumenten mit dieser Bezeichnung um E-Bässe mit einer kurzen Mensur. Als Mensurlänge von Shortscale-Bässen hatte sich zu Beginn der E-Bass-Ära 30,5 Inch/Zoll etabliert, was umgerechnet 77,47 cm entspricht. Im Amerikanischen wird die Maßeinheit “Inch” häufig mit Anführungszeichen hinter der Zahl gekennzeichnet: 1″ = 2,54 cm.

Mittlerweile sind allerdings die meisten Shortscale-Bässe mit einer 30-Inch-Mensur (76 cm) ausgestattet. Zwar gab es in der Frühphase des E-Bass auch bereits Shortscale-Bässe, wie den EB-1 der Firma Gibson. Der erste Shortscale-Bass jedoch, der große Berühmtheit erlangte und deswegen einen temporären Boom auslöste, war der ab 1956 angebotene Höfner 500/1. Kein Geringerer als Ex-Beatle Paul McCartney verbindet man bis heute mit dem Erscheinungsbild dieses violinförmigen Halbresonanz-Basses, der deswegen auch auch unter dem inoffiziellen Titel “Beatle Bass” oder “Beatles Bass” bekannt ist.

Weltberühmt: Höfners 500/1 Violin Bass wurde zum Markenzeichen von "Sir" Paul McCartney!
Weltberühmt: Höfners 500/1 Violin Bass wurde zum Markenzeichen von “Sir” Paul McCartney!

Zahlreiche frühe Nutzer von E-Bässen kamen nicht zwangsläufig vom Kontrabass, sondern waren Gitarristen. Eine populäre Vertreterin dieser Gattung aus den Kindertagen des E-Basses ist Carol Kaye, Bassistin der legendären Wrecking Crew, jener L.A.-Studiolegenden, die beispielsweise alle Tracks der Beach Boys einspielten.

Da das von Leo Fender geschaffene Modell bereits eine Long Scale besaß, bedeutete dies für Gitarristen eine unbequeme Umstellung. Daher begannen die Hersteller, darauf zu reagieren und schufen Bassmodelle mit kürzerer Mensur, die somit leichter bespielbar, kompakter, und anfänglich auch nicht so viel schlechter im Sound waren als Long-Scale-Instrumente.

Richtig Fahrt nahm der Shortscale-Boom Anfang der 60er-Jahre auf: Aufgrund des immensen Popmusik-Booms begannen immer mehr Teenager mit dem Musikmachen. Einerseits hatte ein Teil dieses neuen Kundenkreises kleine Hände, andererseits aber auch nur wenig Geld in der Tasche, um den großen Vorbildern jener Tage nacheifern zu können. Fender reagierte 1964 mit dem Shortscale-Modell “Mustang Bass” auf die erhöhte Nachfrage und schuf damit ein Low-Budget-Modell in seinem Portfolio.

Der Fender Mustang war das erste Short-Scale-Modell aus dem Hause Fender und wird mit leichten Modifikationen bis heute gebaut.
Der Fender Mustang war das erste Short-Scale-Modell aus dem Hause Fender und wird mit leichten Modifikationen bis heute gebaut.

Zudem bot die kalifornische Company das Modell in schrillen Farben an, die man bis dato zuvor noch nie auf einem E-Bass gesehen hatte. In der Folge etablierte sich dieser E-Bass vor allem als Einsteiger-Instrument. Der Mustang war übrigens der letzte von Leo Fender designte Bass für Fender, bevor er seine Firma nach dem Verkauf an den CBS-Konzern verließ und ca. zehn Jahre später die Firma Music Man gründete.

Seit geraumer Zeit erfahren Shortscale-Bassmodelle eine Renaissance. Einerseits ist das der Nachfrage nach Vintage-Bässen und -Sounds geschuldet, andererseits aber auch der Erkenntnis, dass Bässe mit kurzer Mensur durchaus gut klingen können, leichter bespielbar sind und daher wirklich einen praktischen Wert besitzen. Speziell junge Anfänger kommen teilweise noch nicht gut auf Longscale-Bässen zurecht, da ihre Hände noch nicht groß genug sind. Aber auch Halbresonanz- und Akustikbässe begnügen sich häufig mit Shortscale-Mensur, um die Zuglast auf Hals und Korpus zu reduzieren.

Medium Scale

Eine weniger populäre, aber dennoch erwähnenswerte Variante ist die Medium Scale mit zumeist ca. 32″/81,28 cm. Viele Instrumente mit einer derartigen Mensur gab es nicht in der Bass-History, doch auch mit dieser Variante wird im Zuge des jüngsten Trends wieder häufiger experimentiert. Eine sehr interessante Idee aus dem Kontrabassbau ist der D-Extender, bei dem das Griffbrett unter der E-Saite um zwei Töne verlängert wird. Der amerikanische Hersteller Kubicki kreierte ein E-Bass-Modell namens Ex Factor, bei dem die Medium-Mensur (32″) ausschließlich für die E-Saite bei Bedarf auf Extra Long Scale (36″, bis zum Kontra D) verlängert wird.

Erreicht wird dies durch eine raffinierte Headless-Konstruktion. Die E-Saite wird mit einem Hebel an dem Punkt abgegriffen, wo normalerweise der Sattel sitzt. Bei Bedarf kann der Hebel gelöst werden und die E-Saite wird um zwei Bünde verlängert, welche oberhalb der Klappe liegen. Dadurch wird auch das tiefe D spielbar.

Der Vorteil dabei ist, dass die Spannung der Basssaite unverändert bleibt. Gleichfalls muss man nicht umdenken, wie es beim Hipshot D-Tuner der Fall ist, bei dem die E-Saite durch einen Hebel an der Mechanik heruntergestimmt wird (und nebenbei auch an Zugspannung verliert).

Long Scale (auch: Longscale oder Standard Scale)

Am populärsten ist die Long-Scale-Mensur – jene Mensurlänge, die nunmehr nahezu alle gängigen Bassmodelle als Basis besitzen, weswegen man sie gerne auch als “Standard Scale” bezeichnet. Es ist übrigens eben die Mensurlänge, die Leo Fender nach vielen Experimenten schließlich im Jahr 1951 als optimal auserkor!

Seit dem Precision Bass hat sich an dieser Mensurlänge von 34″/86 cm nichts mehr verändert. Die Mensur wurde im Prinzip für den Viersaiter auch selten in Frage gestellt, denn schließlich hat man damit exzellente Ergebnisse erzielt.

Paradebeispiel für eine Longscale-Mensur: der Fender Precision Bass
Paradebeispiel für eine Longscale-Mensur: der Fender Precision Bass

Dennoch gibt es auch hier minimale Varianten: Rickenbacker verwendet beispielsweise eine leicht verkürzte Long-Scale-Mensur. Eine weitere Variante bildet das Yamaha Billy Sheehan Signature Modell: Der Attitude Bass besitzt eine Mensur von 33⅞. Die Saitenspannung wird dadurch geringfügig weicher und begünstigt Spieltechniken wie Bending oder Tapping.

Seit dem Aufkommen von Bässen mit fünf, sechs oder noch mehr Saiten ist die Diskussion um die Mensur wieder sehr in Bewegung geraten. Auch die zunehmende Tendenz zu Drop-Tunings in einigen Musikgenres befeuerte die Entwicklung erneut: Waren es zu Beginn der 80er-Jahre vorrangig Hersteller im Edelbass-Segment, so sind längere Mensuren mit 36″/91,5 cm mittlerweile keine Seltenheit mehr.

Extra Long Scale

In den 80er-Jahren gewannen tiefe H-Saiten an Bedeutung, denn Bassisten mussten dem Trend der populärer werdenden tiefen Synthie-Bässe in Pop-Produktionen etwas entgegensetzen können. Einen klaren und definierten Basston, speziell in Hinsicht auf eine tiefe H-Saite (beim Fünfsaiter), erhält man mit dünneren Saiten und höherer Spannung. Höhere Saitenspannung wiederum erzeugt man z. B. durch Hinzunahme von Masse, also durch dickere Saiten, was einer konkreteren Tonwiedergabe im Tiefbassbereich zum eben gesagten jedoch widerspricht.

Erhöhte Saitenspannung erzeugt man aber auch durch Verlängerung der Mensur. Nehmen wir einmal das Beispiel der H-Saite und nehmen wir an, wir spannen diese auf eine übliche Long-Scale-Mensur (34 Zoll/86,4 cm). Um einen adäquaten Sound zu erreichen, verwenden wir eine 130er H-Saite.

Verlängert man nun die Mensur um einige Millimeter, so erhöht sich die Saitenspannung merklich. Stellen wir uns einen Bass vor, dessen Sattel sich beliebig in Richtung Kopfplatte verschieben ließe, dann würde der Ton der offenen Saite immer tiefer werden, je weiter man den Sattel nach oben verschiebt. Um wieder den Grundton (z. B. “H”) zu erhalten, müssten wir die Saite also nach oben nachstimmen. Das geht logischerweise nur durch Erhöhung der Saitenspannung. Um dieselbe Saite mit derselben Masse auf den gleichen Ton zu stimmen, benötigt man nun also mehr Zugspannung – aufgrund der längeren Mensur.

Einige Instrumente - wie dieser Traben Phoenix 5 - besitzen eine extralange Mensur, um vor allem der H-Saite noch mehr Kraft zu verleihen.
Einige Instrumente – wie dieser Traben Phoenix 5 – besitzen eine extralange Mensur, um vor allem der H-Saite noch mehr Kraft zu verleihen.

Wird die Spannung zu hoch, muss man dies wieder durch Wegnehmen von Masse ausgleichen, also nunmehr dünnere Saiten verwenden. Nun erhalten wir mit dünneren Saiten bei längerer Mensur eine ähnliche Saitenspannung wie mit dickeren Saiten bei einer kürzeren Mensur. Im Unterschied zur vorherigen Situation wird der Ton durch diese Maßnahme in den Bässen (normalerweise) konkreter und obertonreicher, jedoch auch etwas leiser.

Genau dies ist der Grund, weswegen seit den Kindertagen des E-Bassesan einer optimalen Kombination aus Mensurlänge und Saitenstärke und Saitenmaterial herumgebastelt wird, natürlich auch bedingt durch ständig wechselnde externe Anforderungen, wie neue Musikstile oder weiterentwickelte Spieltechniken.

Eine Mensur lässt sich nicht beliebig verlängern. Zum einen muss das Instrument komfortabel bespielbar bleiben, und zum anderen muss es eine gesunde Ausgewogenheit der physikalischen Kräfte geben. Dem “Idealsound” einer Basssaite käme man wohl ziemlich nahe, wenn die Mensur die Länge einer Basssaite eines Konzertflügels hätte. Allerdings könnte niemand dieses lange Instrument spielen, und es gäbe auch keinen Basshals aus den herkömmlichen Materialien, welcher dieser Zugspannung standhalten würde.

Sonderfall Multi Scale (auch: Multiscale) – Dingwall & Co.

Eine sehr gewitzte Lösung zur optimalen Verteilung der Zugkraft von Basssaiten bietet die Multi-Scale-Mensur. Bei dieser Konstruktion geht man davon aus, dass für die ausgeglichene Wiedergabe der unterschiedlichen Strings pro Saite eine individuelle Mensurlänge benötigt wird: Für die tiefen Saiten ist die Mensur daher länger, und für die hohen Saiten entsprechend kürzer.

Verteilt man die Mensurlängen gleichmäßig, dann müssen die Positionen der Bünde den veränderten Verhältnissen angepasst werden. Die Bünde werden dann fächerförmig auf dem Griffbrett angeordnet. Die englische Bezeichnung hierfür lautet “Fanned Frets”. Der kanadische Hersteller Dingwall hat sich auf Multi-Scale-Bässe spezialisiert, andere Hersteller haben mittlerweile gleichfalls solche Bässe im Portfolio.

Fotostrecke: 2 Bilder Instrumente mit Multiscale-Mensuren sind beispielsweise dieser Dingwall Nolly Getgood oder …
Fotostrecke

Fazit

Die Mensurlänge von E-Bässen ist fraglos ein spannendes Thema. Ein wenig gleicht sie der Suche nach dem heiligen Gral, der bis heute nie gefunden wurde. Die gute Nachricht ist, dass uns heutzutage alle möglichen Varianten frei zur Auswahl stehen und wir alle Modelle munter durchprobieren können. Klar ist aber auch: Letztlich kann die Longscale-Mensur kein so verkehrter Ansatz sein, hat sie doch immerhin schon seit 70 Jahren unsere Bassistenherzen beglückt!

Alles Gute und bis bald, euer Oliver

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von Oliver Poschmann

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