Wie heute bekannt wurde, verstarb Éliane Radigue am 23. Februar 2026. Mit ihr verliert die Welt eine der bedeutendsten Pionierinnen der elektronischen Musik. Sie wurde wurde 93 Jahre alt.

Éliane Radigue (23.01.1932 – 23.02.2026)
Éliane Radigue war eine Klangforscherin, die beharrlich und auf ihre ganz eigene Weise die Grenzen des Hörbaren verschob. Einem breiteren Publikum wurde sie durch ihre jahrzehntelange Arbeit mit dem ARP 2500 Synthesizer bekannt. Neue Aufmerksamkeit erlangte sie zuletzt durch den Erfolg der Dokumentation Sisters with Transistors, die die Pionierarbeit von Frauen in der elektronischen Musik würdigte und ihnen längst überfällige Anerkennung brachte.
Ein Lebenslauf für die Musik
Éliane Radigue wurde 1932 in Paris geboren. Sie erhielt Klavierunterricht und begeisterte sich früh für klassische Musik, studierte in Nizza Musiktheorie und Harfe. Sie heiratete den Künstler Armand, mit dem sie drei Kinder bekam. Doch Radigue war zu neugierig und zu rastlos, um sich dauerhaft mit dem Kanon der klassischen Musik und ihrer Rolle als Mutter zufriedenzugeben. Während ihres Studiums begegnete sie neuen Strömungen der zeitgenössischen Musik, wie etwa dem Serialismus. Was sie aber wirklich faszinierte, waren die Klänge ihrer unmittelbaren Umgebung: das Dröhnen verschiedener Flugzeugmotoren, die Klänge des Alltags. Es ist kaum verwunderlich, dass sie mit Begeisterung zum ersten Mal eine Komposition von Pierre Schaeffer im Radio hörte. Er war der Begründer der Musique concrète, von dem die These stammte, dass jedes Geräusch Musik sein kann.
Éliane Radigue in Paris
1955 lernte sie Schaeffer kennen und begann ein Praktikum in seinem Studio. Dort erlernte sie den Umgang mit Aufnahmegeräten und Mikrofonen sowie die Kunst, Tonbänder zu schneiden und zu mischen. Ein äußerst aufwendiger Prozess, der heute mit Samplern und DAWs in Sekunden erledigt ist. Während dieser Zeit begegnete sie experimentellen und elektronischen Musikern wie Iannis Xenakis, Luc Ferrari und Pierre Boulez. Außerdem fand ein Austausch mit der Kölner Schule um Karlheinz Stockhausen statt.
Anfang der 1960er-Jahre unterbrach Éliane Radigue ihre Arbeit, um sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann begann sie 1967 als Assistentin von Pierre Henry zu arbeiten, der ebenfalls ein Pionier der elektronischen Musik und Kollege von Schaeffer war. In den Nachtstunden erschuf sie in seinem Studio eigene Werke. Radigue arbeitete zu jener Zeit mit Loops, Rückkopplungen und manipulierten, verlangsamten Tonbändern. Die Werke fanden kein Interesse bei Schaeffer oder Henry.
Éliane Radigue trifft den ARP 2500
1970 wurde sie an die New York University School of the Arts eingeladen. Dort kam sie mit modularen Synthesizern in Kontakt und war sofort begeistert. An der Universität teilte sie sich mit der elektronischen Komponistin Laurie Spiegel einen Buchla-Synthesizer. Vor allem aber traf sie auf das Instrument, das ihr musikalisches Schaffen für die nächsten drei Jahrzehnte prägen sollte: den ARP 2500. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieser Synthesizer nicht durch Radigues konsequente, jahrzehntelange Arbeit bekannt wurde, sondern durch Pete Townshend von der Rockgruppe The Who, der ihn in Stücken wie Baba O’Riley einsetzte.
Das offene Klima der frühen 1970er-Jahre in den USA, das durch die Hippie-Kultur, Minimal Music, Happenings und Fluxus-Performances geprägt war, begeisterte sie. Steve Reich und Philip Glass erschlossen ihr neue musikalische Welten. 1972 kehrte sie mit dem ARP 2500 nach Paris zurück. Dort entstanden einige ihrer bedeutendsten Werke, darunter die dreiteilige Adnos-Trilogie. Eine zunehmend zentrale Rolle in ihrem Schaffen spielte ihre Spiritualität: 1975 konvertierte sie zum Buddhismus. Gesundheitliche Probleme mit ihren Ohren zwangen sie zu einer mehrjährigen Auszeit, bevor sie 1979 wieder aktiv wurde.

Éliane Radigue und der Abschied von der elektronischen Musik
Im Jahr 2000 vollzog Radigue eine bemerkenswerte Zäsur: Sie komponierte ihr letztes elektronisches Stück mit dem ARP 2500 und wandte sich für den Rest ihres Lebens ausschließlich akustischen Instrumenten zu. Auch hier verfolgte sie einen konsequent experimentellen Ansatz: Noten wurden nicht klassisch notiert, sondern sie erarbeitete das musikalische Material gemeinsam mit den Musizierenden im Gespräch.
Die Welt verliert mit Éliane Radigue eine Pionierin der elektronischen Musik, die mit ihrer Arbeit dazu beitrug, dass Konzepte wie Sampling und Klangsynthese breitere Akzeptanz fanden und damit sich auch die Sichtweise auf Musik veränderte. Sie ging dabei noch einen entscheidenden Schritt weiter: Sie suchte mit diesen Mitteln beharrlich nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und schöpfte ihr klangliches Potenzial auf eine Weise aus, die bis heute nachwirkt. Musikerinnen wie sie sind nicht zu ersetzen.
Ruhe in Frieden, Éliane Radigue.
Links
Éliane Radigue Beitrag des ZKM Karlsruhe
Éliane Radigue Beitrag der Berliner Festspiele
Die Geschichte der elektronischen Musik
8 Filme über elektronische Musik, die man gesehen haben muss
























