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Interview mit Herwig Mitteregger „Da kenn ich nix!“

Herwig Mitteregger hat als Drummer, Sänger und Songwriter deutsche Musikgeschichte geschrieben: Mit Nina Hagen spielte er Ende der Siebzigerjahre deren erste beiden vom Punk geschwängerten (West-)Alben ein, machte dann ohne die Sängerin, aber mit der gleichen Band unter dem Namen Spliff weiter. Anfang bis Mitte der Achtziger gehörten die vier Musiker nicht nur in der Berliner Szene zu den Zentren, sondern hinterließen im ganzen Land Fußspuren. Ebenfalls seit dieser Zeit ist Mitteregger als Produzent aktiv und veröffentlicht Soloalben, von denen das letzte vor rund zwei Jahren erschien. Was er aktuell macht, wie er auf die Berliner Zeit zurückblickt und was in Zukunft ansteht, das hat er uns im Gespräch erzählt. 

Herwig Mitteregger Interview
Herwig Mitteregger fühlt sich nicht nur am Drumset, sondern auch hinter dem Klavier wohl. (Foto: Ingo Baron)

Was treibst du derzeit? 

Na ja, ich habe in den letzten Jahren zwei neue Instrumentalalben aufgenommen, „Im Moment“ und „Im Moment 2“. Ich war gerade dabei, diese über Insta und Facebook – ja, ich habe seit zwei Jahren einen Account [lacht] – zu promoten, als die Plattenfirma mit der Spliff-Reissue um die Ecke kam [Ende 2024 wurden die Spliff-Alben auf Vinyl wiederveröffentlicht]. Da war die Promo für meine eigenen Aufnahmen ein wenig dahin, denn es ging natürlich in erster Linie um Spliff – was mir überhaupt nicht schwergefallen ist, denn es ist ja nach wie vor unsere Band.

Welche Rolle spielt Spliff beziehungsweise die Nina Hagen Band denn heute für dich? 

So was lässt einen natürlich nicht los – allein gefühlsmäßig, denn es waren die wohl intensivsten 13 Jahre meines Lebens. Lok Kreuzberg [Mittereggers erste Band in Berlin Mitte der Siebzigerjahre] muss man definitiv auch dazuzählen, denn da habe ich unheimlich viel gelernt. Ich kam frisch von der Musikhochschule, und die Band hat mich nach dem Vorspielen aufgenommen. Das fand ich total geil und dachte, ich sei nun im Rock-’n’-Roll-Himmel gelandet. Aber nach zwei Jahren war halt Schicht.

Dann kam Spliff, und da wir auch einen Verlag gegründet haben, sind wir auf ewig miteinander verbunden – nicht nur deswegen natürlich. Darum müssen wir uns als Gesellschafter aber kümmern, tun das auch und sind immer im Kontakt. Ich verwalte die ganzen Sachen seit rund 30 Jahren auf ehrenamtlicher Basis. Dabei geht’s um die Nina Hagen Band, Spliff, meine Soloprojekte bis 1987 und die ganzen Bands, wie wir seinerzeit produziert haben. Das Ganze wird administriert von einem größeren Verlag, der natürlich weit bessere Verbindungen hat. Seit es Internet gibt, läuft das alles wie am Schnürchen, und du brauchst deinen Fuß kaum noch vor die Tür zu setzen. Ich habe wirklich Glück in meinem Leben mit der Musik gehabt, denn die Achtzigerjahre-Geschichte läuft ja immer noch. Man hat immer das Gefühl, es gäbe ein Revival nach dem anderen, aber ich glaube, das ist vielmehr ein permanentes Revival. Ich freue mich jedenfalls über jeden Fan. Irre!

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Wenn heute eine Anfrage für einen Song von Spliff oder einen, den wir produziert haben, reinkommt, dann habe ich den auch direkt wieder im Ohr. In Berlin waren wir damals eine Art Anlaufstelle für alle möglichen Musiker. Diese Situation haben wir alle auch reichlich genutzt, und so kam einiges zustande, zum Beispiel die drei Alben mit Manfred Maurenbrecher [deutscher Singer-Songwriter], die ich produziert habe. Was man mit alledem verbindet, das nimmt einem niemand. Das Flair in Berlin in den Achtzigerjahren, das Leben an der Mauer, das war schon ein ganz besonderes. Ich hatte damals meine Familie aber in Hamburg wohnen und bin oft mit dem Auto hin und her gependelt. Dabei habe ich natürlich in der ‚Zone‘ [lacht] auch so einiges erlebt. Berlin ist, obwohl ich nach meiner Zeit in Spanien seit vielen, vielen Jahren wieder in Hamburg lebe, einfach eintätowiert. 

So kennt man Herwig Mitteregger – hinter dem Drumset. (Foto: Ingo Baron)
So kennt man Herwig Mitteregger – hinter dem Drumset. (Foto: Ingo Baron)

Zahlen sich die Bands von damals heute noch finanziell aus? 

Ja, es ist schon gar nicht so schlecht. Ich habe das Geld allerdings auch ganz gut angelegt und führe ein absolut solides Leben – schon immer. Drogen zum Beispiel haben für mich nie eine Rolle gespielt. Das war mir alles egal. Manch einer dachte nur, ich wäre drauf, weil ich so gespielt habe [lacht] – ich bin halt ein etwas hippeliger Typ [lacht]. Vor einem Gig musste ich mich immer bewusst runterfahren, um nicht jede Nummer zu schnell zu spielen. Das war echt schwer, aber statt 96 immer 120 bpm zu spielen, das ist einfach nicht gut [lacht]. 

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Wie würdest du denn dein Schlagzeugspiel von damals charakterisieren? 

Hmm. Keine Ahnung. Ich habe mich weder damals noch heute darum gekümmert, was gerade angesagt ist. Im Gegenteil, wir hatten eher das Problem, derart viele Stilistiken in der Band benutzt zu haben. Das wurde uns jedenfalls von der Kritik oft genug um die Ohren gehauen. Ähnlich ging es am Anfang Freddie Mercury und Queen – wenn auch auf einem ganz anderen Level, versteht sich, denn wir waren dagegen nur eine ganz kleine Nummer. Ich habe am Drumset eigentlich immer nur versucht, den Song zu spielen und ihm gerecht zu werden. Das mache ich heute noch, auch wenn mittlerweile vieles über Logic läuft. Ich spiele nur noch ein E-Drumset von Roland, das ich schließlich aufnehme.

Früher habe ich ein akustisches Set in meinem Studio in Spanien gespielt – eine Location, die ich jetzt aber nicht mehr habe. Der Song sagt mir eigentlich, was ich spielen soll, und hinterher gefällt’s mir oder eben nicht. Die ganzen ‚Zirkustrommlereien‘, die ich auf YouTube so gerne sehe, versuche ich zwar immer mal wieder per Gehör nachzuspielen, aber einsetzen kann man sie kaum irgendwo. Im Grunde ist das alles Blenderzeug. Trotzdem: Ich übe so was, damit ich gewisse Dinge immer noch spielen kann – und vielleicht sogar noch ein bisschen besser.

Damals hatte ich das Üben zugunsten des Songschreibens in Spanien ziemlich vernachlässigt. 15 bis 20 Jahre habe ich eigentlich überhaupt nicht geübt. Ich hatte, klar als Rockmusiker [lacht], in Spanien seinerzeit natürlich eine Harley, habe dann nach meiner Rückkehr nach Deutschland, weil die Kupplung der Maschine nach dem Abholen von der Spedition irgendwie nicht mehr funktionierte, bei der Fahrt durch das winterliche Hamburg auf einer Verkehrsinsel einen ungalanten Stopp hinlegen müssen und mir das Ding direkt auf den Fuß geparkt. Resultat: Der Knöchel war glatt durch. Beim Röntgen konnte man das jedoch nicht direkt sehen, sodass ich zehn Tage buchstäblich auf allen Vieren die Treppe hoch- und runtergekrabbelt bin.

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Das war für mich ein Zeichen, die Maschine zu verkaufen und mir für das Geld das Roland TD-20X anzuschaffen. Da sind tolle Sounds drin, die mir in den Folgemodellen fehlen, und deshalb bleibe ich dabei. Manche Sounds und Tricks von damals vermisse ich: Bei „Kein Mut, kein Mädchen“ [Mittereggers Solodebüt 1983] hatte ich zum Beispiel einen Juno 60 [analoger Synthesizer von Roland]: Bei dem Song „Rudi“ habe ich, um ein paar Effekte zu machen, die eingebaute Effektbank in einem bestimmten Rhythmus durchgetippt und das Ganze dabei aufgenommen. Meinst du, ich würde diese Möglichkeit bei meinem Juno-60-Plug-in finden?! No way! Schade – muss das Remake von „Rudi“ leider warten.

Das Simmons-Modul von damals habe ich nicht mehr – aber als Plug-in habe ich’s mir gegönnt, und das ist leider geil [lacht]. Die haben das unheimlich gut hingekriegt, und die Sounds kann ich mit meinem Roland triggern. Ansonsten habe ich noch einen Kurzweil K2000 [Synthesizer], ein „Super Jupiter“-Soundmodul von Roland und einen „Virus“ von Access [virtuell-analoger Snythesizer]. Den Rest habe ich als Plug-in im Computer, und das ist ziemlich viel. Ich war schon damals in der Band ein großer Fan von Keyboards.

„Ich habe am Drumset eigentlich immer nur versucht, den Song zu spielen und ihm gerecht zu werden“, sagt Mitteregger.
„Ich habe am Drumset eigentlich immer nur versucht, den Song zu spielen und ihm gerecht zu werden“, sagt Mitteregger.

Wie blickst du heute auf dieses doch etwas spezielle Sounddesign von damals? War da viel Experimentierfreude im Spiel? 

Ja, sicher. Im Grunde konntest und kannst du ja mit Harmonien allein nicht mehr viel Neues anstellen. An diesem Punkt kam der Sound ins Spiel. Heute „shazam“ [App zum Identifizieren von Songs] ich sammle sehr viel an Sounds und Songs, die ich gut finde, packe das Ganze in Spotify und mache mir eine Playlist von, sagen wir, 300 Songs. Nach und nach tausche ich die dann wieder gegen neue aus. Es gab und gibt keine Festlegung bei mir. Ich höre mir die Sachen an, und der Bauch entscheidet, was gut ist. Damals war das im Prinzip genauso: Die Keyboards hatten allgemein einen schweren Stand, denn sie waren mit ihren sphärischen Strings-Sounds für mich immer irgendwie ‚unterwegs zu den Sternen‘. Reinhold [Heil, Keyboarder von Spliff] war allerdings ein echter Tüftler, was individuelle Sounds angeht:  Er hat’s wirklich sehr gut hinbekommen und viel aus den Vorgaben gemacht. Eine Ideologie gab’s aber nie.

Bei meinen Drums ging’s in erster Linie um die damals völlig neuen Simmons-Sounds. Das war’s dann aber im Prinzip schon, mehr gab’s eigentlich nicht. Diese Sounds verbindet man noch heute direkt mit diesem Jahrzehnt, und insofern haben sie sich natürlich auch ein wenig abgenutzt.

Damals gab’s halt ein paar Dinge, die mich beim Schlagzeug echt aufgeregt haben: Zum einen war das diese Snare ständig auf „2“ und „4“. Zur Zeit der Nina Hagen Band hatten wir einen Produzenten, der auch Schlager gemacht hat und darauf bestand, dass ich mit der linken Hand so laut wie nur irgend möglich spiele. Das habe ich auch gemacht, aber versuch mal, einen Groove hinzubekommen, bei dem die linke Hand fünfmal so laut ist wie der Rest. Es mag Leute geben, die so was können, aber ich konnte es damals nicht. Zudem war die Snare runtergestimmt, das Fell warf schon Falten. Das war so bescheuert und sollte eine Art von Discosound ergeben.

Zum anderen hat mich der Sound von einem Naturschlagzeug insgesamt ziemlich genervt. Immer das Gleiche: „Zisch“, wenn du aufs Becken, und „Bumm“, wenn du auf ’ne Trommel haust. Also habe ich die Rototoms angeschafft, damit das schon mal anders klang. Da kamen die Simmons-Pads natürlich wie gerufen, und ich habe mir die Dinger sofort besorgt. Am Anfang war ich etwas skeptisch, aber Reinhold wusste als Tontechniker sofort, wie man mit solchen Dingen umgehen musste – zack, klang das und wurde „Déjà Vu“. Bei dem Song ist es für die Simmons-Pads aber auch geblieben – ziemlich viel Kohle für einen Song [lacht]. 

Zum Songwriting nutzt Mitteregger als Fan von Keyboards auch mal die Gitarre. (Foto: Ingo Baron)
Zum Songwriting nutzt Mitteregger als Fan von Keyboards auch mal die Gitarre. (Foto: Ingo Baron)

Wie schaust du auf das derzeitige Achtziger-Revival, das sich ja nicht nur auf die Musik, sondern auch auf Mode und vieles andere erstreckt? Ist das eine Flucht vor der Gegenwart? 

Na ja, die Achtziger waren ja auch alles andere als eine heile Welt. Wir standen ständig mit einem Fuß im Krieg, und es gab nicht umsonst diese große Friedensbewegung. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich eigentlich nicht tue [lacht], dann war’s eine ziemlich wilde Zeit, aber im Rückblick wird ja alles irgendwie schöner – heute kannst du eigentlich nur versuchen, nicht verrückt zu werden. Die Neunzigerjahre waren dann tatsächlich wunderbar, denn viele Bedrohungen nach dem Ende des Kalten Krieges fielen einfach weg. Die Philosophie sprach damals sogar vom „Ende der Geschichte“, an dem solch globale Auseinandersetzungen wie der Kalte Krieg endgültig der Vergangenheit angehören würden – tja, von wegen! Insofern haben die Jugendlichen von heute wohl ein größeres Paket zu tragen als wir damals. Glaube ich.

Bei uns ist es ja noch mal gut gegangen – wobei ich nicht sagen will, dass es heute schlecht ausgehen muss. Aber die Diktaturen, die derzeit auf der Welt entstehen, werden nichts Gutes bringen. Dennoch: Die Geschichte wird wohl weitergehen. Sich nicht unterkriegen zu lassen, mehr kann man wohl nicht machen. Schwer genug. Dazu kommt das ganze KI-Theater, das ich allerdings in Bezug auf Musik noch relativ entspannt sehe. Es gibt natürlich auch KI-generierte Musik, die gute ‚Ideen‘ hat. Darauf basierend kann man sicher auch Inspiration gewinnen. Damals in der Band haben wir auch alles Mögliche ausprobiert, jeder durfte sich austoben und keiner den anderen behindern.

So gab’s dann manchmal eine Manne-Version [Manfred „Manne“ Praeker, der 2012 verstorbene Bassist von Spliff] oder eine Reinhold-Version des betreffenden Songs. So kamen Sachen zustande, die im Grunde vielleicht sogar Fehler waren – aber nach fünf- oder zehnmaligem Hören war genau das auf einmal geil. Musik wird immer nur dann interessant, wenn sich Sachen ergeben, die aus einer anderen Sphäre kommen. Wenn du heutzutage so was richtig promptest, dann kann sicher auch Tolles entstehen. Aus reinem Spaß habe ich das auch mal mit Suno [App zur Musikgenerierung mit KI] gemacht. Da kam aber nichts sonderlich Spannendes raus. Momentan bin ich also noch auf der ruhigen Seite, was Musik mit KI angeht, aber ein komisches Gefühl habe ich schon, wenn ich einen ziemlich geilen Song höre und feststelle, dass er KI-generiert ist. 

Herwig Mitteregger in seinem Arbeitszimmer. (Foto: Herwig Mitteregger)
Herwig Mitteregger in seinem Arbeitszimmer. (Foto: Herwig Mitteregger)

Wie verbringst du heute deine Tage? 

Ich versuche, ein möglichst gesundes und solides Leben zu führen und bin selten auf der Piste. Morgens mache ich meine Tai-Chi-Übungen und kümmere mich um den Haushalt, da meine Frau ein Yoga-Studio hat und entsprechend unterwegs ist. Ich habe also meine Arbeit zu erledigen, aber davon abgesehen ist Musik natürlich die Nummer eins bei mir. Sehr viel meiner Zeit verbringe ich damit, Ideen aus der Luft zu schnappen und daraus etwas zu machen. 

Wie und wann komponierst du? 

Bei mir beginnt eigentlich alles mit dem Smartphone. Darauf nehme ich Sprachmemos beim Zähneputzen oder was weiß ich wobei auf. Ich muss derzeit einfach wieder texten, denn ich merke, dass mir der sprachliche Ausdruck neben dem Instrumentalen einfach gefehlt hat. Das alles wandert in eine Cloud und in den Computer, auf dem Logic installiert ist und mit dem ich die Musik mache. Damit wird dann rumgefummelt. Dazu habe ich eine mittlerweile ziemlich lange Liste von Sounds, die vielleicht hierzu oder dazu passen könnten. Im Wohnzimmer steht ein Keyboard, mit dem ich per Smartphone auch schon mal etwas einspiele. All diese Sachen höre ich mir an, fummele daran herum, mache Hausarbeit, komme zurück und höre, fummele wieder ein bisschen herum, und so entsteht nach und nach etwas.

Ich habe mich weder damals noch heute darum gekümmert, was gerade angesagt ist.

Das habe ich schon immer so gemacht – ich meine, ich kann schon auch am Stück arbeiten, das bringt aber nix. Ich muss immer mal zwischendurch raus, mit dem Fahrrad los, zu Fuß an die Elbe oder was auch immer. Textliche Einflüsse kamen früher von Leuten wie Randy Newman oder Don Henley, heute gibt es da keine Grenzen. Es gibt sogar sehr gute Lyrics im Country, wie ich neulich mit Entsetzen feststellen musste [lacht]. Ich mag diese melancholischen, etwas schwermütigeren, nachdenklich machenden Dinge. Nach wie vor. Ich bin ein lustiger Mensch, habe aber eine „heavy soul“ [lacht]. 

„Ich muss immer mal zwischendurch raus, mit dem Fahrrad los, zu Fuß an die Elbe oder was auch immer“, charakterisiert Mitteregger seine tägliche Arbeitsweise. (Foto: Ingo Baron)
„Ich muss immer mal zwischendurch raus, mit dem Fahrrad los, zu Fuß an die Elbe oder was auch immer“, charakterisiert Mitteregger seine tägliche Arbeitsweise. (Foto: Ingo Baron)

Deine letzten beiden Soloalben waren ja fast ausschließlich instrumental… 

Ja. Ich schätze, dass ich deswegen jetzt auch wieder mehr an Texten interessiert bin. Die beiden letzten Alben waren ‚Fluchtaktionen‘, wenn du so willst: Beim Schreiben von Songs hat man im Prinzip ständig die gleichen Strukturen, die ich daher immer wieder zu durchbrechen versuche, sei es durch besondere Akkorde oder was auch immer. Gerade die deutsche Popmusik ist dafür ja nicht unbedingt bekannt, sondern bleibt eher glatt. Ich möchte zwar nicht gleich Zwölftonmusik machen, aber auf den beiden Alben sind eben Kompositionen, die zwar melodiös sind, aber eben doch ihren individuellen Reiz haben – ein Text wäre mir dazu wahrscheinlich auch gar nicht eingefallen. Insofern sind die Alben eine Art Flucht aus meinem wirklichen Leben, das in erster Linie aus Songs mit deutschen Texten besteht – was gar nicht so einfach ist. Vor drei, vier, fünf Jahren bin ich echt an die Grenzen gekommen und habe mich gefragt, ob ich das tatsächlich immer weiter machen möchte. Jetzt bin ich sehr happy mit dem Resultat, denn ich musste eben auch mal etwas Ruhigeres schreiben. 

Da ist also noch mal der Berufswunsch des Komponisten, den du ganz zu Beginn deiner Karriere gehabt hast, durchgeschlagen? 

Ja, genau. Satie, Debussy, Ravel, damit bin ich eigentlich die ganze Zeit durchs Leben gelaufen. Die habe ich immer gehört, neben dem ganzen Pop. Los ging’s damit etwa 1971, als ich mit dem Musikstudium angefangen hatte. Meinen alten Prof aus Dortmund, der seinerzeit in Duisburg unterrichtete, habe ich übrigens kürzlich nach vielen, vielen Jahren wiedergetroffen. Ihm habe ich viel zu verdanken. Er hat mich damals nach Hamburg geschickt, weil man dort neben dem Studium im Orchester Geld verdienen konnte, was ich wegen der Familie dringend brauchte. Im Orchester habe ich wahnsinnig viele Erfahrungen machen dürfen, aber ich bin im Nachhinein froh, dass ich damals berufsmäßig diesen Weg nicht eingeschlagen habe. Jahrelang kam ich mir vor wie ein Fahnenflüchtiger. Ich war schließlich richtig drin gewesen, in der klassischen Orchesterszene, wurde dann aber Zweitplatzierter beim Vorspiel für die Hamburger Symphoniker, unmittelbar bevor ich nach Berlin zu Lok Kreuzberg gegangen bin. Das war Glück für mich. Wenn ich Erster geworden wäre, wäre die Geschichte vielleicht ganz anders verlaufen. 

Hast du die Entscheidung nie bereut? 

Nein, auf keinen Fall. Never. Ich habe höchsten Respekt vor den klassischen Musikern und fange an zu schwitzen, wenn ich die Jungs arbeiten sehe. Nervlich hätte ich das nicht durchgehalten. Gelernt habe ich in dieser Szene aber sehr, sehr viel, denn ich durfte tolle Konzerte spielen, zum Beispiel Benjamin Brittens Oper „Death in Venice“. Ich musste die erste Stimme am Vibrafon übernehmen, es war als hätte sich die Hölle aufgetan [lacht]. – Ich war so was von erleichtert, als ich dann bei Lok Kreuzberg hinter der Schießbude sitzen und mich austoben durfte. 

„Ich war so was von erleichtert, als ich bei Lok Kreuzberg hinter der Schießbude sitzen und mich austoben durfte“, sagt Mitteregger über seine damalige Arbeit als klassischer Musiker. (Foto: Ingo Baron)
„Ich war so was von erleichtert, als ich bei Lok Kreuzberg hinter der Schießbude sitzen und mich austoben durfte“, sagt Mitteregger über seine damalige Arbeit als klassischer Musiker. (Foto: Ingo Baron)

Wie soll’s in Zukunft für dich weitergehen? 

Das ist eine gute Frage. Ich versuche, die Songs, die mir nicht mehr zufliegen – im Alter fliegt dir gar nix mehr zu [lacht] –, irgendwie auf die Reihe zu bekommen, und dann mache ich wieder ’ne Scheibe. Da kenn ich nix! Ansonsten versuche ich, bei der ganzen Geschichte nicht verrückt und 145 Jahre alt zu werden [lacht]. 

Musik wird immer nur dann interessant, wenn sich Sachen ergeben, die aus einer anderen Sphäre kommen.

Gibt’s Pläne, noch mal was als Spliff zu machen? 

Nun ja, wir haben immer gesagt: entweder alle oder keiner! Nun ist Manne tot, und das macht’s eben schwierig. Wenn wir das, was wir damals gemacht haben, heute auf die Bühne bringen wollten, dann müssten wir schon ganz schön in die Vollen gehen, schätze ich. In jeder Beziehung. Wir waren ja, obwohl wir für die klassische Neue Deutsche Welle eigentlich mit Ende 20 damals fast schon zu alt waren, als Band bewegungstechnisch auf der Bühne unheimlich fit und stilistisch abwechslungsreich: Zum einen sind da die Nina-Hagen-Sachen, dann die „Spliff Radio Show“, dann die Spliff-Alben und all das andere Zeug.

Auch wenn’s die Band nur recht kurz gab, gab es doch sehr viel verschiedenes Material. Jetzt also auf vielleicht zwei, drei bekannte Nummern wie „Carbonara“ oder „Déjà Vu“ reduziert zu werden, wäre nicht das, was wir wollten. Auf der anderen Seite ist dagegen überhaupt nichts zu sagen, denn die Leute haben selbstverständlich ein Recht darauf, das zu hören, was sie gerne hören möchten. „You can’t stop the people from dancing while the music is playing“ hat mal jemand gesagt, und da ist schon etwas dran.

Vielleicht ist aber die Nachfrage auch gar nicht da, denn bislang hat noch niemand ein konkretes Angebot für eine Spliff-Livegeschichte auf den Tisch gelegt. Ich bin so oder so happy mit alldem, denn Tantiemen kommen heute noch rein – obwohl es sukzessive weniger wird. Aber da ich schon immer eine ganz solide Finanzplanung gemacht habe, obwohl ich vielleicht nicht so aussehe [lacht], kann ich davon leben.

Nur die erste Gage habe ich tatsächlich verloren: [Jim] Rakete hat damals in seiner Fabrik eine Party veranstaltet, wir hatten gerade Nina-Hagen-Gigs hinter uns, und die Gage gab’s im Briefcouvert – das ich mir in die Unterhose gesteckt hatte [lacht]. Als ich dann mal aufs Klo musste, habe ich den Umschlag hinter einem Rohr geparkt – und dort natürlich vergessen. Als es mir wieder einfiel, war er weg. Alle haben gemeinsam gesucht, aber keiner hat ihn wiedergefunden [lacht]. Na ja, das war aber auch das einzige Mal, dass ich mit der Kohle schlechte Erfahrungen hatte. Ich komme aus ziemlich bescheidenen Verhältnissen, und da lernt man, mit Geld umzugehen.         

Biografie: 

Herwig Mitteregger wurde in Österreich geboren und zog mit seiner Mutter früh nach Ratingen. Nach der Schule studierte er Schlagzeug und Klavier in Duisburg, ab 1974 in Hamburg. 1976 wurde er Drummer der Band Lokomotive Kreuzberg in Berlin und lernte Bernhard Potschka und Manfred Praeker kennen. 1978 ging Mitteregger mit den beiden plus Reinhold Heil und Nina Hagen ins Studio und spielte deren erste beiden (West-)Alben ein. Nach der Trennung von der Sängerin machten die vier Musiker als Spliff weiter. Mitteregger schrieb Songs, spielte Schlagzeug und sang. 1983 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, bevor sich Spliff Mitte der Achtzigerjahre auflöste. Mitteregger ließ sich in Spanien nieder, richtete dort ein Tonstudio ein. Über die Jahre produzierte er Alben von Ulla Meinecke, Manfred Maurenbrecher, Sternhagel, Michael Fitz und überredete Cosa Rosa zum Keyboardspielen. Seit Beginn der 2000er-Jahre lebt Mitteregger wieder in Hamburg und veröffentlicht weiterhin Soloalben auf seinem eigenen Label.    

Diskografie (Auswahl): 

  • Lok Kreuzberg: Mountain Town (1976)
  • Nina Hagen Band: Nina Hagen Band (1978), Unbehagen (1979)
  • Spliff: The Spliff Radio Show (1980), Spliff 85555 (1981), Herzlichen Glückwunsch (1982), Schwarz auf Weiß (1984)
  • Mitteregger: Kein Mut – kein Mädchen (1983), Immer mehr (1986), Jedesmal (1987), Mitteregger (1990), Wie im Leben (1992), 1983-1993: Die besten Songs (1993), Aus der Stille (1997), Insolito (2008), FanDango (2009), Sol Mayor (2017), Im Moment (2021), Im Moment 2 (2024)

Website: www.herwig-mitteregger.de

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