Interview: Ramon Montagner: Push-Pull, Slide und brasilianische Rhythmik

Der in Brasilien geborene Ramon Montagner macht nicht nur mit seiner Multistick- oder Slide-Spieltechnik, sondern mit vielem, vielem mehr Eindruck. Abgesehen von technischen Raffinessen steht bei ihm aber vor allem deren musikalischer Einsatz im Fokus. Aktuell gehört Montagner als Percussionist zur Touring-Band von Eros Ramazzotti. Wir haben ihn beim Meinl Drum Festival getroffen und zum Gespräch gebeten. 

Ramon Montagner Interview
Alle Fotos: Christoph Behm

Wie bist du damals in deiner brasilianischen Heimat zum Musikmachen gekommen? 

Ich habe mit der Gitarre angefangen. Da war ich zwölf. Das habe ich dann etwa ein Jahr lang gemacht, bis jemand mit einer Hi-Hat, einer Snaredrum und ein paar Stöcken bei mir auftauchte. Da war’s um mich geschehen, und seit dieser Zeit spiele ich Schlagzeug. Ich hatte in Brasilien bei ein paar Lehrern Unterricht und habe sehr früh angefangen, in Nightclubs zu spielen. 

Mit 15 spielte ich auf einer professionellen Basis. Das waren natürlich vor allem brasilianische Musiker – und viel Bossa Nova. Ich komme ursprünglich aus Campinas, das etwa 100 Kilometer von São Paulo entfernt ist. In dieser verrückten, gefährlichen und absolut liebenswerten Großstadt kamen nach und nach verschiedene bekannte brasilianische Künstler dazu, und es ging schon etwas mehr in Richtung Pop, Rock und Jazz. Es gab aber natürlich auch noch viel Bossa Nova, Samba-Jazz und solche Dinge. Ich war mehr oder weniger ein Allround-Drummer – mit brasilianischen Wurzeln. 

Mit 15 Jahren spielte Ramon Montagner bereits professionell.
Mit 15 Jahren spielte Ramon Montagner bereits professionell.

Du hast aber direkt mit dem Drumset angefangen und nicht, wie man vielleicht meinen könnte, Percussion gespielt? 

Nein, zuerst war das Drumset, und die Percussion kam vielleicht fünf, sechs Jahre später dazu – obwohl ich heute Percussion bei Eros Ramazzotti spiele.

Dein Spiel mit teils zwei Stöcken in deiner Hand, mit einer beeindruckenden Slide-Technik, One-Handed-Rolls und so weiter, wie hat sich das alles entwickelt?

Ich hatte mich zunächst ausführlich mit der Push-Pull-Technik beschäftigt – wusste aber von Leuten wie Jojo Mayer und ihrer Technik überhaupt nichts. Bei mir haben sich diese Dinge mehr oder weniger im Livebetrieb entwickelt. Irgendwann sagte man mir, dass dies die sogenannte Push-Pull-Technik sei und fragte mich, ob ich nicht diesen Schweizer Drummer kenne. Der sei schließlich der König dieser Technik. 

Ich habe mich aber entschieden, mir das alles nicht anzuschauen und für mich weiter herumzuprobieren. Ich denke, im Nachhinein war das auch eine gute Entscheidung, denn so musste ich nicht so sehr leiden [lacht]. Als ich mir Jojo dann viele Jahre später angeschaut habe, merkte ich schnell, was für ein Genie er ist. Mein eigener Weg lief aber wie gesagt ein bisschen anders, und deswegen ist heute meine Spieltechnik auch anders als seine – allein schon weil ich so viel brasilianische Musik gespielt habe. Die hat nun mal ihre Eigenheiten. 

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Die Slide-Technik kommt eigentlich vom Reco-reco [hölzernes oder metallenes Instrument, ähnlich Guiro], über das man mit einem Stab in einer Seitwärtsbewegung fährt, um diesen speziellen Sound und Rhythmus zu erzeugen. Irgendwann kam ich auf die Idee, die Push-Pull-Technik mit dieser Seitwärtsbewegung zu kombinieren. Diesen Ansatz habe ich über die Jahre weiterentwickelt und letztlich sogar Bücher darüber geschrieben. 

Irgendwann sagte man mir, dass dies die sogenannte Push-Pull-Technik sei und fragte mich, ob ich nicht diesen Schweizer Drummer kenne. Der sei schließlich der König dieser Technik.

Seinerzeit spielte ich bei vielen Hochzeitszeremonien in Kirchen, die, sagen wir mal, nicht so wirklich spannend waren. Also kam ich auf die Idee, die traditionelle Mallet-Stockhaltung mit zwei Stöcken pro Hand für die ständigen Rolls einzusetzen. So habe ich meine ‚Freizeit‘, in der ich nichts wirklich Spannendes machen konnte, zum Üben genutzt. In diesem Zusammenhang habe ich anschließend die beiden Stöcke aus der traditionellen Haltung übereinandergebracht, um Samba und solche Dinge spielen zu können – so entstand dieser ganz besondere Sound. Die Stöcke dann in eine fast parallele Stellung in nur einer Hand zu bringen, erlaubte in Kombination mit all den anderen Techniken wiederum ganz andere Dinge. 

So kam eins zum anderen. Zum Beispiel konnte ich so mit nur einer Hand sehr gut dieses brasilianische Batucada-Feel spielen. Ich forsche heute immer noch, was man so alles machen kann. Für mich ist es allerdings immer sehr wichtig, dass ich die ganzen technischen Dinge musikalisch einsetzen kann. Ein Solo ist natürlich eine tolle Sache, aber mir geht es eher um den Song. 

Bei „nicht so wirklich spannenden Gigs“ fing Montagner an, seine Multistick-Technik zu entwickeln.
Bei „nicht so wirklich spannenden Gigs“ fing Montagner an, seine Multistick-Technik zu entwickeln.

Macht diese Technik verschiedene Dinge nicht auch viel einfacher beziehungsweise überhaupt erst spielbar? 

Ja, auf jeden Fall. Ich finde auch immer mehr Dinge heraus, die man machen kann, allein Flams in einer Hand zum Beispiel – und außerdem hat man ja noch eine zweite Hand. Push-Pull- und Slide-Technik sind perfekt für brasilianische Musik, die grundsätzlich sehr viele Sechzehntelbewegungen in sich hat. Diese werden normalerweise von Shakern, Pandeiro, Reco-reco oder auch mal mit einem Messer und einem Teller gespielt. Viele ältere Damen nehmen lediglich ein Messer, einen Teller, ihre Stimme und spielen Samba. Die Bewegung ist recht ähnlich, und so steckt eine gewisse Art von Tradition in meinem Ansatz. Für all diese Dinge habe ich ausführliche Übungen erarbeitet, mit denen man das Schritt für Schritt erweitern kann. 

Wie hast du diese Übungen aufgebaut? 

Ich setze eigentlich bei den traditionellen brasilianischen Rhythmen an. Dann geht’s natürlich viel um grundlegende Koordination. Anschließend habe ich mich sehr stark mit der Slide-Technik und ihren Möglichkeiten auseinandergesetzt. Das Ganze machst du dann mit beiden Händen. Ich selber entwickele diese ganze Idee immer weiter, und da wird sicher auch noch einiges kommen. 

Verschiedene Spieltechniken miteinander zu kombinieren, das ist ein zentraler Aspekt.
Verschiedene Spieltechniken miteinander zu kombinieren, das ist ein zentraler Aspekt.

Wie bist du an den Job in der Band von Eros Ramazzotti gekommen?

Eros hat mich im letzten Jahr angeschrieben, als ich mit einer Band in Brasilien auf Tour war. Er hatte wohl schon eine ganze Zeit lang meine Videos auf den Social-Media-Kanälen verfolgt. Dann kam irgendwann eine Nachricht, ich solle ihn doch mal anrufen. Ich war natürlich nicht sicher, ob das alles auch seine Richtigkeit hatte, habe dann aber angerufen. 

Eros war tatsächlich in der Leitung, und wir haben begonnen uns zu unterhalten. Ein paar Wochen später lud er mich ein, in seiner Band Percussion zu spielen. Ich und meine Frau hatten tatsächlich schon vor, von Brasilien nach Italien umzuziehen, da ich einen italienischen Pass habe und ohnehin zwei-, dreimal im Jahr für Masterclasses und solche Dinge dort war. Also haben wir unsere Pläne beschleunigt, die nötigen Papiere für meine Frau besorgt, eine Bleibe gemietet und ein Bankkonto eröffnet. 

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Wir kamen Anfang Dezember vergangenen Jahres in Italien an, und im Januar begannen die Proben mit Eros. In seiner Band geht’s natürlich nicht so sehr um brasilianische Percussion, sondern vielmehr um klassische Pop-Percussion mit Congas, Shakern, Tambourines und Timbales. Ich bringe hier und da schon Dinge in Absprache mit dem Musical-Director ein, aber im Grunde liefere ich das, was von der Musik verlangt wird. 

Entwickelst du denn gerade wieder neue Spieltechniken? 

[Lacht.] Na ja, langweilig sind diese Gigs ganz sicher nicht. Ich finde es überaus spannend, in großen Venues zu spielen. Aber ich entwickele im Moment tatsächlich eine Art von Push-Pull-Technik mit den Füßen. Außerdem versuche ich, mich beim gleichzeitigen Spielen von Cajon und Drumset stetig zu verbessern. Die Koordination von den verschiedenen Schlägen auf der Cajon und dem Drumset hat’s schon ziemlich in sich. Da muss man sich richtig reinknien. Das Gleiche gilt für das Pandeirospielen. Die Kombination von Pandeiro, Darabuka und Cajon in einem Hybridset, eigentlich mein Hauptaugenmerk, finde ich sehr reizvoll. 

Die Cajon ist auch in Ramon Montagners Drumset ein wichtiger Bestandteil.
Die Cajon ist auch in Ramon Montagners Drumset ein wichtiger Bestandteil.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? 

Na ja, ich lebe mich gerade in Mailand ein, und zudem habe ich einige Konzerte mit meinem brasilianischen Samba-Jazz-Trio. Danach bin ich auch noch mal wieder in Brasilien für Konzerte und Aufnahmen. Mit Eros wird’s im September ein paar eher kleinere Shows geben, und dann geht’s im Oktober und November auf Tour in Nord- und Zentralamerika. Weitere Dates werden im April und Mai des kommenden Jahres für Europa folgen. 

Das klingt ja nicht schlecht für einen spontanen Internetkontakt … 

Nein, auf gar keinen Fall, zumal es so unerwartet kam [lacht].   

Biografie: 

Ramon Montagner, geboren 1975, begann bereits als Teenager, professionell als Schlagzeuger zu arbeiten. Zwischen 1992 und 2006 begleitete er den brasilianischen Singer-Songwriter Johnny Alf, einen der „Erfinder“ des Bossa Nova. Zahlreiche andere Musiker sollten folgen. Montagner veröffentlichte mehrere Soloalben, Lehrbücher („Rhythmic Imagination“) und gibt weltweit Masterclasses in Sachen brasilianischer Musik. Seit diesem Jahr ist er als Percussionist mit Eros Ramazzotti auf Welttournee. 

Diskografie: 

  • Johnny Alf: Cult Alf (1998), Eu e a Bossa (1999), Mais un som (2002) 
  • Solo: Sambasó (2006), Atemporal (2012), Moldura Dos Pés (2018)
  • Brado Trio: Trilhos do Vento (2026)

Equipment: 

  • Drums: Tama (Star Series)
  • 20“ x 16“ Bassdrum 
  • 10“ x 8“, 12“ x 9“ Toms
  • 14“ x 14“ Floortom
  • 14“ x 5,5“ Snare
  • Cymbals: Meinl
  • 8“ Byzance Splash
  • 14“ Byzance Jazz Thin Hi-Hat
  • 20“ Byzance Sand Thin Crash
  • 20“ Byzance Dual Crashride
  • 20“ Byzance Dark Crash
  • 21“ Byzance Transition Ride
  • 22“ Byzance Foundry Reserve Ride
  • 8“ Artist Concept Crasher Hats
  • 16“/18“ Artist Concept Fat Stacker
  • Percussion: Meinl
  • 11,75“ Carry-on Conga
  • 22“ x 24“ Traditional Aluminum Series Surdo
  • 11“ William „Kachiro“ Thompson Signature Quinto
  • 11,75“ William „Kachiro“ Thompson Signature Conga
  • 12,5“ William „Kachiro“ Thompson Signature Tumba
  • 7“ und 8,5“ William „Kachiro“ Thompson Signature Bongos
  • 7,75“ Mike Johnston Groove Bell Vintage Steel
  • 8“ Manolito Rodriguez Signature Antique Mambo Cowbell
  • Artisan Edition Cajon Seguiriya Line (Indian Heartwood) 
  • Conga Sound Plate
  • 6“ Floatune Tamborim
  • Sticks: Meinl (Signature Model) 
  • Drumheads: Evans

Website: ramonmontagner.com | Instagram: instagram.com/ramonmontagner

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