Heute wurde bekannt gegeben, dass der russische Synthesizer-Entwickler Vladimir Kuzmin am 12.06.2026 im Alter von 72 Jahren verstorben ist. Er war der Schöpfer des Polivoks-Synthesizers.

- Ruhe in Frieden Vladimir Kuzmin
- Vladimir Kuzmin und die Sowjetunion
- Vladimir Kuzmin und die Musik in der UdSSR
- Vladimir Kuzmin und die Firma Vector
- Synthesizer entwerfen und bauen? Planwirtschaft!
- Der Polivoks auf dem abgeschotteten Markt
- Posthumer Ruhm des Polivoks
- Das Erbe von Vladimir Kuzmin lebt weiter
- Links und Quellen
Ruhe in Frieden Vladimir Kuzmin
Die meisten Synthesizer-Entwickler müssen im Laufe ihrer Karriere viel leisten, um einen Heldenstatus zu erlangen, der ihnen einen Platz im Olymp der Synthesizer-Entwickler sichert. Robert Moog, Dave Smith, Don Buchla und viele andere haben im Laufe ihrer Karriere viele Instrumente entworfen und die technische Entwicklung vorangetrieben. Doch Vladimir Kuzmin gelang es, Heldenstatus mit nur einem Instrument zu erlangen, weil dessen Entstehung so ungewöhnlich und abenteuerlich ist, dass sie sich grundlegend von anderen Synthsizer unterscheidet.
Vladimir Kuzmin und die Sowjetunion
Vladimir Kuzmin entwarf den Polivoks-Synthesizer im Kalten Krieg, jenseits des Eisernen Vorhangs, in einer Zeit, als die Welt in zwei Teile aufgeteilt war: in Ost und West. Die Sowjetunion war der Gegenentwurf zum demokratischen und kapitalistisch regierten Westen. Im Kommunismus der UdSSR sollten alle Menschen gleich sein. Der Antrieb der Existenz sollte nicht in der Befriedigung egoistischer Bedürfnisse wie der Anhäufung von Reichtum liegen. Alle Menschen sollten gemeinsam dem kollektiven Ziel dienen, die Welt in ein Paradies zu verwandeln, in dem alle Menschen gleich und frei von Klassen existieren. Um dieses Ziel zu erreichen, schottete sich die Sowjetunion gegen die restliche Welt ab. In diese Welt wurde im Oktober 1953 Vladimir Kuzmin als Sohn eines Militärangehörigen geboren.

Vladimir Kuzmin und die Musik in der UdSSR
Trotz der Abgeschlossenheit der UdSSR gelangte westliche Musik in diesen Kulturkreis. Vladimir Kuzmin war Beatles-Fan, deren Lieder er auch mit seiner Band nachspielte. Er begann sich früh für Musik zu begeistern und spielte Bass-Gitarre in einer Band. Da die UdSSR damit beschäftigt war, den real existierenden Sozialismus aufzubauen, gab es keine Musikindustrie. Deshalb mussten sich Kuzmin und seine Bandkollegen die Instrumente selber bauen. Sie verwandelten akustische Gitarren in elektrische Instrumente, indem sie magnetische Tonabnehmer einbauten. Später entwickelten sie auch Effektgeräte.

Vladimir Kuzmin und die Firma Vector
Während seines Elektronikstudiums machte Kuzmin weiterhin Musik und entwickelte Effektgeräte. 1976 beendete er sein Studium und begann für die Firma Vector zu arbeiten. Dabei handelte es sich ursprünglich um eine Rüstungsfabrik. Die spärlichen westlichen Musikeinflüsse blieben nicht ungehört. Potenzielle sowjetische Kunden fragten bei den Fabriken an, warum solche Instrumente nicht produziert wurden. Bezeichnungen wie E-Piano, Piano Strings oder Synthesizer waren für sowjetische Musiker magisch. Die Nachfrage war enorm, doch nur wenige konnten solche Instrumente über staatliche Importkanäle erhalten oder für viel Geld auf dem Schwarzmarkt kaufen.
Deswegen entschied Vector zusätzlich elektronische Musikinstrumente herzustellen. Geplant waren elektronische Orgeln, Verstärker und Lautsprecher. Außerdem standen Klaviersaiten, digitale Keyboards und Effektprozessoren auf dem Programm. Dies war genau das richtige Umfeld für den ausgebildeten Elektroniker und Musiker Vladimir Kuzim, der sich für den technischen Fortschritt interessiere und Effektgeräte selber baute.
Synthesizer entwerfen und bauen? Planwirtschaft!
1980 bekam Vladimir Kuzmin im Alter von 24 Jahren die Möglichkeit, seine Ideen für ein Synthesizer umzusetzen. Doch die Entstehung des Polivoks gestaltete sich abenteuerlich. Da der russische Markt abgeschottet war, war es kaum möglich, etwas über Synthesizer und deren Funktionsweise zu erfahren. Außerdem stand die Planwirtschaft im Weg. Es mussten Anträge gestellt werden, die es erlaubten, solch ein Instrument zu entwickeln. Sogar das Handelsministerium musste prüfen, ob das Produkt überhaupt verkauft werden durfte. Meistens standen elektronische Schaltpläne us dem Ausland zur Verfügung, welche die Funktionsweise eines Synsthsizers erklärte. In seltenen Fällen war möglich, Bands aus dem Ausland und deren Instrumente zu fotografieren und sie zu reparieren, wovon der Wissensschatz von Kuzmin profitierte.
Außerdem hatte Vladimir Kuzmin einen Ehrenkodex. Selbstverständlich war der Minimoog bei der Entwicklung des Polivoks ein wichtiges Vorbild. Es gelang ihm auch, dessen Filter nachzubauen, aber damit wollte er sich nicht zufriedengeben. Außerdem achtete das Patentbüro sehr streng auf Patentverletzungen, wie Kuzmin erzählt. Aus dieser Antriebskraft entstand der rohe, aggressive Klang des Polivoks-Filters, der ohne Kondensatoren auskommt.

Der Polivoks wurde nicht allein von Vladimir Kuzmin entwickelt. Für das Design war seine Frau Olympiada Kuzmina verantwortlich. Sie ließ sich von Militärtechnologie inspirieren, was bis heute von vielen Musikern als inspirierend empfunden wird und den besonderen Charme des Instruments ausmacht. Die Seitenteile wurden zum Beispiel von den Ketten eines Panzers inspiriert (siehe Foto)
Ihr wollt alles über den Polivoks erfahren? Hier geht es zum Bonedo Formata Polivoks Artikel.
Der Polivoks auf dem abgeschotteten Markt
Der Polivoks Prototyp war 1980 fertiggestellt und 1982 begann die Produktion. Bis etwa 1991 wurde der Polivoks gebaut. Es entstanden 25.000 bis 30.000 Geräte in unterschiedlicher Qualität. Er wurde für 920 Rubel verkauft, was in der Sowjetunion ungefähr fünf Monatsgehältern entsprach. Kein Normaler Bürger konnte sich das leisten. Die Fabrik lieferte ausschließlich an staatliche Verkaufsstellen und er wurde nicht in das Ausland exportiert.

Posthumer Ruhm des Polivoks
Wie die Roland TB-303 wurde der Polivoks erst nach Produktionsende zu einer Legende. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eroberte der Polivoks den Rest der Welt, denn jetzt gelangten die Instrumente in das Ausland. Aber das Ende der Sowjetunion bedeutete auch das Aus für den Polivoks. 1991 wurde die Produktion eingestellt.
Vladimir Kuzmin erfuhr um die 2000er-Jahre davon, dass der Polivoks im Ausland sehr beliebt ist und sah sich und seine Arbeit bestätigt. Durch den Siegeszug des Polivoks wurde er zu einer Kultfigur der Synthesizerwelt, die immer wieder von der abenteuerlichen Entstehungsgeschichte dieses Synthesizers berichtete.

Das Erbe von Vladimir Kuzmin lebt weiter
Zahlreiche Künstler wie Franz Ferdinand, Goldfrapp und viele andere nutzen den Klang des Polivoks, dessen aggressiver und durchsetzungsfähiger Klang sich für Industrial, Techno und viele andere Genres eignet.
Elta baute den Polivoks in einer verkleinerten Version nach und entwickelt derzeit eine polyphone Version, die sie auf der Superbooth 26 zeigten. Erica Synths baut in viele seiner Geräte das Polivoks-Filter ein undCherry Audio hat mit Atomika eine Software-Version des Polivoks in seinem Programm.
Selbstverständlich hat Bonedo den Polivoks auf Herz und Nieren geprüft und im folgenden Artikel erfahrt ihr noch mehr über dieses außergewöhnliche Instrument jenseits des Eisernen Vorhangs.
Vladimir Kuzmin hat nicht viele Synthesizer erschaffen, doch an den Klang des Polivoks wird sich die Menschheit noch lange erinnern. Ruhe in Frieden, Vladimir Kuzmin.
Links und Quellen
Vladimir Kuzmin erzählt die Formata Polivoks Geschichte (Russisch)
Ein Vladimir Kuzmin Interview auf Analogik.com
Red Bull Music Academy Vladimir Kuzmin Interview
Formanta Polivoks Vintage Synth auf bonedo.de























