Anzeige

Vinyl, Kassetten, CDs wieder auf dem Vormarsch – Über die Sehnsucht, Musik selbst zu entdecken

Musikstreaming dominiert seit Jahren den Musikmarkt, doch der Verkauf von Vinyl, Kassetten und sogar CDs steigt. Obwohl Gen Z – und zum Teil auch Millennials – mit den Vorzügen der ständigen Verfügbarkeit jeglicher Musikstücke aufgewachsen sind, wächst bei ihnen die Sehnsucht, Musik wieder selbst zu entdecken, bewusster zu hören und zu besitzen.

Shutterstock / Rawpixel.com

Warum erleben Vinyl, Kassetten und CDs derzeit ein Revival?

Vor ein paar Monaten kam ich mit einem Verkäufer im Record-Store meines Viertels ins Gespräch und er erzählte mir, dass in letzter Zeit vermehrt junge Musikfans in den Laden kommen, stundenlang nach Musik stöbern und die Nachfrage selbst nach CDs steigt. Er begründete den Trend damit, dass junge Menschen Musik wieder selber entdecken wollen. Kein Algorithmus, der Musik vorgibt, nur der Empfehlung anderer Musikfans folgend oder dem Glück des Zufalls.

Zusammenhängen könnte diese Entwicklung mit dem allgemeinen Digital-Detox-Trend. In der endlosen Flut von Musik, Informationen, Bildern und Filmen gefangen, verkommt die Beschäftigung mit Musik, Kunst und Kultur zum Hintergrundrauschen, das zwar süchtig, aber nicht zufrieden macht. Das analoge Musikfinden und -hören bekommt durch seine Langsamkeit die volle Aufmerksamkeit und gibt den Fans die Kontrolle über den Musikgenuss zurück.

Laut der Plattform shesaid.so geht es den Hörer*innen dabei nicht nur um das Sammeln von Musik, sie lernen auch wieder Platten- und CD-Spieler zu bedienen. All das kommt von dem Wunsch, sich mit Veröffentlichungen intensiver befassen zu können.

Aktuelle Verkaufszahlen für physische Tonträger 2025

„Vinylkäufer sind die Superfans des Musikmarkt“ schreibt Backstagepro. In Amerika steigen die Vinylverkäufe das 19. Mal in Folge und in Großbritannien, dem drittgrößten Musikmarkt der Welt, stiegen die Umsätze 2025 um ganze 18 %. In Deutschland, dem viertgrößten Musikmarkt der Welt, stieg der Vinyl-Umsatz um 9,4 % und hat sich seit 2015 vervierfacht.

CDs kommen zurück als Deluxe-Versionen, Jubiläumsausgaben oder Tour-Merchandise. Selbst Kassetten, die wie ein purer Anachronismus erscheinen, erleben ein Comeback. Für das Soundandrecording Magazin sind sie sogar ein „kreatives Statement gegen die digitale Austauschbarkeit“.

Warum gewinnen Kassetten (Tapes) trotz geringerer Audioqualität wieder an Popularität?

Kassetten sind wesentlich billiger zu produzieren als Vinyl. Ihnen wohnt ein Hauch Subkultur und DIY-Geist inne und sie sind das größtmögliche Gegenstück zum Musikstreaming. Eine Kassette zwingt zum bewussten Hören, es ist umständlich, zwischen Titeln hin- und herzuspulen. Genau wie bei einer Vinyl-Platte ist die Spieldauer einer Seite begrenzt. Danach kann sich bewusst entschieden werden, ob weiter gehört wird oder nicht. Vielen neuen Kassetten liegt ein Downloadcode bei – für das Beste aus beiden Welten.

Wie beeinflussen Haptik und Coverart das Musikerlebnis im Vergleich zu Streaming?

Nicht zu unterschätzen ist bei allen drei Medien der Sammleraspekt. Limitierte Editionen mit besonderem Artwork, Liner Notes und Coloured-Vinyl sind besonders beliebt. Große Künstler*innen bieten jeden neuen Release in einer Vielzahl an physischen Produktvarianten an: Normale Vinyl, Coloured oder Splatter Vinyl in verschiedenen Farben, Singles, Kassetten mit Standard- oder Spezial-Cover, CDs in verschiedenen Ausführungen.

Nach der Anonymisierung der Teams, die hinter einem Künstler oder einer Künstlerin stehen, durch die beschränkten Informationen, die die Streamingplattformen bieten, scheint der Wunsch der Musikfans, in den komplexen, kompletten Kosmos des Musikwerkes einzusteigen, zu wachsen. Es ist eben nicht egal, wer produziert, gemischt, gemastert oder musiziert hat. All diese Informationen helfen den Fans, sich mit der Musikszene als Ganzes zu verbinden, Querbezüge herzustellen und Entwicklungen zu verfolgen. Dieses Zugehörigkeitsgefühl kann Streaming nicht leisten. Untergräbt es sogar immer weiter durch die Flut an KI-Musik-Veröffentlichungen.

„Obwohl Streaming nach wie vor den größten Teil des Musikkonsums ausmacht, zeigen das anhaltende Wachstum der Vinylverkäufe, die Rückkehr zum Erwerb von CDs und die Zunahme von Sammlereditionen, dass der Kauf von Musik nach wie vor eine aktive Rolle dabei spielt, wie Fans heute an Veröffentlichungen teilhaben.“ (shesaid.so)

Die digitale Musikkultur verhindert zudem die Weitergabe von Platten- oder CD-Sammlungen an die nächste Generation. Playlisten sind nur solange vorhanden, wie die Musik von den Labels zur Verfügung gestellt wird. Die Vererbbarkeit von Downloads ist nicht vorgesehen, erwirbt man doch nur die Nutzungsrechte und die Titel werden nicht zum Eigentum.

Klingen Vinyl und analoge Tapes tatsächlich besser als hochauflösendes Streaming?

Die Klangqualität von Musik auf Vinyl oder Kassette ist objektiv betrachtet natürlich nicht besser, als die von CDs oder High-Res-Streaming. Wobei Musikfans das Kriterium „besser“ nicht in Frequenzen und Transparenz messen. Der organische Sound einer Vinyl, mit nur sanfter Kompression und etwas Knistern hat einen nicht zu unterschätzenden psychoakustischen Wohlfühleffekt und wird beim Hören als natürlicher und wärmer empfunden als digitaler Sound.

Haptik und visuelles Artwork

Es ist allgemein bekannt, dass eine Verpackung die Wahrnehmung des Inhalts beeinflusst. Wir wollen keinen teuren Wein aus Plastikkanistern trinken. Genauso verhält es sich mit Streamingmusik. Die Minicoverbilder auf den Streamingplattformen sind kein Vergleich zum 30 x 30 cm großen Cover einer Vinyl. Bei einem Gatefoldcover, das aufgeklappt werden kann, wird der Unterschied noch krasser. Ein Cover kann wieder Kunst sein. Typografie wird wieder wichtig. Denn der Popkultur ihren visuellen Anteil beim Musikhören zu nehmen, ist eine Strafe.

Analoges Musikhören – Vorteile gegenüber Spotify und Co.

Energy.de bringt es auf den Punkt: „Für große Teile der Gen Z ist Streaming Alltag und Musik immer nur einen Klick entfernt. Gleichzeitig entdecken viele Vinyl, CD und Kassette völlig neu und erleben diese Formate zum ersten Mal.“ Und resumiert:„Das Stöbern in Plattenläden oder Bibliotheken wird dabei wieder zu einem bewussten Erlebnis – und genau darin liegt ein zentraler Aspekt dieses Trends: mehr Kontrolle darüber zu gewinnen, wie Medien konsumiert werden und wer letztlich davon profitiert.“

Und es ist die Erfahrung, ein Album von vorne bis hinten anzuhören. Sich mehr Zeit zu nehmen, in den Kosmos von Musiker*innen einzutauchen und nicht auf die Aufmerksamkeit heischende Länge von ungefähr drei Minuten, die ein einzelner Song dauert, beschränkt zu sein.

Analoges Musikhören hat auch ganz direkte Vorteile für die Musiker*innen und Bands. Ein Vinylalbum (25 € brutto im Verkauf) steht ca. 7000 Streams gegenüber, wenn die Künstler*innen selbst veröffentlichen und etwa 14.000 Streams, wenn ein Label dazwischen ist. Und: Digitale Musik kann nicht am Merchstand, nach dem Konzert, mit einem Autogramm signiert werden.

Quellen:
https://www.theguardian.com/business/2025/dec/23/cd-compact-disc-christmas-shopping-lists-gen-z-embrace-retro-renaissance
https://www.backstagepro.de/thema/musikwirtschaft-in-zahlen-wer-kauft-vinyl-und-cds-2025-05-07-KK99CrLMvn
https://soundandrecording-magazin.de/comeback-der-musikkassette-die-vinyl-des-kleinen-mannes/
Luminate 2025 Report: https://luminatedata.com/reports/midyear-music-industry-report-2025/

FAQ

1. Warum erleben Vinyl, Kassetten und CDs ein Comeback?
Viele vor allem junge Hörer*innen sehnen sich danach, Musik wieder selbst zu entdecken, bewusster zu hören und zu besitzen – statt sich nur von Algorithmen im Streaming führen zu lassen.

2. Welche Rolle spielt Digital Detox bei diesem Trend?
In der Dauerbeschallung durch Streams, Social Media und Informationen wird Musik schnell zum Hintergrundrauschen, während analoges Stöbern, Auflegen und Hören Entschleunigung und mehr Kontrolle über den eigenen Musikkonsum bietet.

3. Warum sind Kassetten wieder beliebt, obwohl sie schlechter klingen als Streaming?
Tapes sind günstig zu produzieren, wirken subkulturell und DIY und zwingen durch vor- und zurückspulen müssen zum bewussten Hören.

4. Wie beeinflussen Haptik und Coverart das Musikerlebnis?
Große Cover, Gatefolds, Liner Notes und limitierte Editionen schaffen ein sinnliches, sammelbares Gesamtwerk und geben Einblick in alle beteiligten Musiker*innen und Produzent*innen – weit über das kleine Coverbild und die limitierten Infos im Stream hinaus.

5. Klingen Vinyl und Tapes wirklich besser als High-Res-Streaming?
Technisch sind CDs und High-Res-Streams überlegen, doch viele empfinden den warmen, leicht knisternden, organischen Klang von Vinyl und analogen Tapes psychoakustisch als angenehmer und „natürlicher“.

Hot or Not
?
Musikstreaming dominiert seit Jahren den Musikmarkt, doch der Verkauf von Vinyl, Kassetten und sogar CDs steigt. Obwohl Gen Z – und zum Teil auch Millennials – mit den Vorzügen der ständigen Verfügbarkeit jeglicher Musikstücke aufgewachsen sind, wächst bei ihnen die Sehnsucht, Musik wieder selbst zu entdecken, bewusster zu hören und zu besitzen.

Wie heiß findest Du diesen Artikel?

Kommentieren
Schreibe den ersten Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Bonedo YouTube
  • Is Kemper Profiling 2.0 a Real Game Changer? | PowerHead MK2 Sound Demo
  • Profiling 2.0 Sounds | Kemper PowerHead MK2
  • NAMM 2026: UDO Audio Booth Tour