Warum das Produzententeam Stock, Aitken, Waterman berühmt und berüchtigt war

Stock, Aitken, Waterman dominierten in den Achtzigern die Charts wie kaum ein Produzententeam zuvor. Ihre Songs waren überall – und galten vielen gleichzeitig als seelenlos. Warum SAW beides war: Erfolgsmaschine und Reizfigur.

(Bildquelle: PA Images / Alamy Stock Foto)

Popmusik als vollkapitalistische, industrielle Geldmaschine

Natürlich war die Musikwirtschaft nicht erst seit den 1980ern zu einer richtigen Industrie geworden, doch das britische Trio Stock, Aitken & Waterman hat das alles auf ein komplett neues Level gehoben. MTV war ein wichtiges, neues Medium, es gab immer mehr private Radiosender, Releases wurden zunehmend zeitgleich gelauncht.

„Kunst“? Nix Kunst! Dafür: Erfolge!

Mike Stock, Matt Aitken und Pete Waterman („SAW“) wollten nicht „schöne Musik“ machen. SAW war ein Produktionssystem, ein knallhart gewinnorientiertes Unternehmen. Und das klappte: Sie haben die Charts dominiert, in den wichtigsten Märkten Großbritannien, Westeuropa, Nordamerika und Australien. Die Zahlen können sich sehen lassen: Alleine in Großbritannien hatten sie zwischen 1984 und 1989 über 100 Top-Forty-Hits und 13 No.1-Hits, davon drei in Folge! Die Gesamtzahl verkaufter (natürlich physischer) Tonträger liegt wohl bei gut einer halben Milliarde!

Der „Künstler“ ist nur ein Interpret. Und quasi austauschbar.

Produktionen wurden wie am Fließband durchgeführt, schnell, mit viel Output und somit vergleichweise geringen Kosten. Das war nicht neu, schon die Motown-Produktionen wurden so erstellt. Aber im Grunde war es zunächst egal, ob Rick Astley oder Bananarama auf einem Song singen, auf der Single zu lesen und im Video zu sehen sind. Noch diplomatisch ausgedrückt: Die typischen Verträge, die Stock, Aitken, Waterman mit den Sängern und Sängerinnen abgeschlossen haben, haben das auch gespiegelt. Das hat natürlich polarisiert, auch wenn die Konsumenten davon meist nicht viel mitbekommen haben. Wenn sich große, personenzentrierte Karrieren entwickelt haben, wie etwa bei Kylie Minogue, dann geschah das zu einem späteren Zeitpunkt.

Klare Hit-Rezepte und Hi-NRG-Sound

Hi-NRG (Hi-Energy) ist ein Dance-Pop-Produktionsstil, der Ende der 1970er aus Disco entstanden ist. Typisch war: ein einfacher, tanzbarer und immer für alle verständlicher Four-to-the-Floor-Rhythmus, das Tempo (meist irgendwo zwischen 120 und 135 bpm), keine Überraschungen. Fills, Breaks, Drops und dergleichen haben SAW auf ein Minimum reduziert.

Der Songaufbau sah keine Überraschungen oder Turns vor, auch keinen echten Spannungsbogen oder dynamische Wechsel. Nach einem sehr kurzen Intro ging es sofort los, entweder mit einer Synth-Hook mit hohem Wiedererkennungswert oder direkt mit dem Refrain. Die Akkordfolgen waren allesamt einfach, die Melodieführungen darauf ausgelegt, im Ohr zu bleiben und von jedem mitgesungen werden zu können. Heute heißt das „Snackability“. Also nix Vorhaltsquartsextakkorde und dergleichen.

SAW-Songs hatten durchweg einen transparenten, crispen Sound, der sowohl auf kleinen Küchenradios als auch in der Diskothek funktionieren musste. Echte Bands waren zu teuer und entspachen nicht dem Zeitgeist, so gut wie alle Songs von Stock, Aitken, Waterman nutzten Drumcomputer und Synth-Bässe. Das wahrgenommene Energielevel war durch die Gesamtlänge der Songs (damals immerhin noch oft 3:40 min!) im Regelfall gleichbleibend hoch die Dynamik für damalige Verhältnisse sehr gering. Aus heutiger Sicht ist es aber fast schon erstaunlich, dass es oft mehrere Strophen mit richtigem Text gab …

SAW-Produktionen konnten nerven

Menschen, die sich eher als Musikliebhaber verstanden haben, waren oft angewiedert von SAW-Produktionen. Die Einfachheit, der extreme Kommerzgedanke, dazu die Zentrierung auf ein eindimensionales Image der Sänger und Sängerinnen, oft auch dargestellt in Videos: Das ist vielen sauer aufgestoßen. Allerdings: Schon die Beatles waren derartigen Feindseligkeiten ausgesetzt, und noch früher sogar die Operette!

Die bekanntesten und erfolgreichsten Produktionen von Stock, Aitken & Waterman

  • Kylie Minogue – „I Should Be So Lucky“ (1987)
  • Rick Astley – „Never Gonna Give You Up“ (1987)
  • Bananarama – „Venus“ (1986)
  • Dead or Alive – „You Spin Me Round (Like a Record)“ (1984)
  • Mel & Kim – „Respectable“ (1987)
  • Jason Donovan – „Too Many Broken Hearts“ (1989)
  • Princess – „Say I’m Your Number One“ (1985)
  • Hazell Dean – „Searchin’ (I Gotta Find a Man)“ (1984)
  • Sinitta – „So Macho“ (1985)
  • Sonia – „You’ll Never Stop Me Loving You“ (1989)

Was war mit Judas Priest? Stimmt das Gerücht?

Die Heavy-Metal Band um Rob Halford passt nicht so richtig in das SAW-Konzept, das erscheint einleuchtend. Doch es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Judas Priest eine Single mit Stock, Aitken, Waterman aufgenommen haben, die aber nicht veröffentlicht wurde. Ist das nun eine Urban Legend oder stimmt das?

In den 1980ern begannen auch Judas Priest, ab und an eingängigere Songs zu schreiben, und Synths zu benutzen. Das Album „Turbo“ galt vielen Fans als zu glatt und poppig. Allerdings hat Tom Allom, Produzent von Judas Priest, oft parallel zu Stock, Aitken und Waterman in Studiokomplexen gearbeitet, besonders in der besagten Zeit. Und Allom (Toningenieur bei frühen Black-Sabbath-Platten, aber auch Producer der Folk-Größen The Strawbs) war kein reiner Metal-Produzent, sondern sehr offen für andere Musikrichtungen.

Eine echte Zusammenarbeit von SAW mit Judas Priest gehört aber ins Land der Märchen. In manchen Interviews haben sich Priest-Mitglieder wohl auch mal den einen oder anderen Witz darüber erlaubt. Und im Übrigen: Dass Judas Priest eine Ballade von Joan Baez covern („Diamonds and Rust“!), war in den 80ern nicht neu, das haben sie schon 1976 getan.

Stock, Aitken, Waterman: Fazit

Die drei britischen Produzenten und ihre Produktionen polarisieren noch heute. Aber Polarisieren erzeugt Aufmerksamkeit. Und die drei sind ein Lehrstück für geradlinige, klar kommerziell ausgerichtete Produktionen, ohne die die heutige Musiklandschaft im Pop sicher anders aussehen würde. Vielleicht waren sie sowas wie KI-Musik-Produzenten Jahrzehnte vor der KI, das mag sein. Interessant für jeden Produzenten und Tontechniker sind sie allemal.

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SAW Producer Team

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