INSIDE: TAL Software – Interview mit Patrick Kunz

Die Plugins des Schweizer Entwicklers TAL Software gehören für viele Produzenten längst zur Standardausstattung – nicht wegen großer Marketingkampagnen, sondern weil sie mit ihrem Klang, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer einfachen Bedienung überzeugen.

TAL Software: Interview.
Patrick Kunz ist Entwickler bei TAL Software. In seinem Studio entstehen vor allem Emulationen klassischer Roland-Synthesizer.

Hinter TAL steht Patrick Kunz, Gründer und Entwickler des Unternehmens. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der digitalen Nachbildung klassischer Klangerzeuger und verbindet dabei technische Präzision mit einem guten Gespür für musikalische Anforderungen. Mehr über TAL Software erfahrt ihr in unserem Interview.

Was gefällt dir am besten an deiner Tätigkeit als Software-Entwickler?

Es ist schön, dass man aus dem Nichts etwas Einzigartiges erschaffen kann. Das hat mich schon immer fasziniert. Ich kann Sounds generieren, Musik machen, User-Interfaces designen oder 3D-Szenen animieren. Alles, was man dazu braucht, ist ein Laptop und eine Idee oder Vision.

Wir nutzen C++ zusammen mit dem plattformübergreifenden JUCE-Framework, das im Plugin-Bereich relativ weit verbreitet ist. Es unterstützt Windows, macOS und Linux.

Ich habe mehrere DAWs installiert – Bitwig mag ich auch wegen des Linux-Supports besonders gern. Ich habe es gerne unkompliziert und möchte keine Unmengen an zusätzlichen Samples auf meiner Festplatte. Ich installiere die Sample Libraries, die mit den DAWs mitkommen, eigentlich nie.

Wie kam es eigentlich zu TAL Software und dem Firmennamen?

Der Name entstand aus einem Spaßprojekt mit Pascal Deville, dem Inhaber von corrupt.ch. Dort hatte ich meine erste Webseite (kunz.corrupt.ch), auf der ich meine ersten Plugins veröffentlicht habe.

In den 90ern haben wir gemeinsam Musik produziert – auf einem 486er PC mit einem Alesis QSR und Steinberg Cubasis, nur mit MIDI, ohne Audio. Das Ganze klang etwas exotisch, mit Perkussion und Flächensounds direkt aus dem QSR. Wir kamen dann auf die Idee, das Projekt „Togu“ zu nennen.

TAL Software: Vintage-Synth.
Patrick Kunz mit den originalen Vintage-Synthesizern: Roland JX-8P. Juno-60 und Jupiter-8 (von oben nach unten).

Um das Jahr 2000 habe ich angefangen, mit dem VST SDK zu experimentieren. Ich hatte den Namen wieder aufgegriffen und das neue Projekt – ohne groß darüber nachzudenken – „Togu Audio Line“ genannt. Später ist daraus die Abkürzung TAL entstanden. Da wir aber rückwärtskompatibel bleiben wollten, entdeckt man „Togu“ heute immer noch in der Firmenbezeichnung der Plugin-Beschreibung. 

Auf welche Produkte von TAL Software bist du besonders stolz?

Beliebt sind die Roland-Emulationen. Spitzenreiter ist und bleibt wahrscheinlich die Juno-60-Emulation TAL-U-NO-LX. Sampler-Plugins wie TAL-Drum oder TAL-Sampler werden auch immer bekannter, weil man da ganz einfach seine eigenen Drum-Kits und Sounds zusammenstellen kann – vor allem aber auch wegen den Lo-Fi-Features, die beide implementiert haben.

TAL Software: Juno-60.
Ein beliebter Dauerbrenner bei TAL Software: der U-NO-LX als praktische Emulation des Roland Juno-60.

Ich bin froh, dass wir die Produkte immer noch mit einem einmaligen Festpreis verkaufen können. Da gibt es weder versteckte Kosten für Updates noch Subscriptions mit Servern, die immer online sein müssen. 

Einige unserer Produkte sind bereits über zehn Jahre alt und werden immer noch regelmäßig aktualisiert. Die Key-Registrierung ist benutzerfreundlich gestaltet. Alle Produkte können weiterhin verwendet werden, auch wenn unser TAL-Server nicht mehr existiert oder kurzfristig nicht erreichbar sein sollte.

Es gibt auffällig viele Emulationen klassischer Roland-Synthesizer – Zufall oder geplant?

Das hat sich nicht rein zufällig entwickelt. Mich hat der Sound der Roland-Synths schon immer fasziniert. Ich finde, die Filter klingen lebendiger und nicht so perfekt, wie zum Beispiel bei einem Moog-Filter, der sich klanglich in allen Situationen sehr solide zeigt. Vor allem mit den beiden Drum Machines TR-909 und TR-808 sowie mit der TB-303 hat Roland meiner Meinung nach die moderne elektronische Musik wie kaum ein anderer Hersteller elektronischer Musikinstrumente geprägt.

TAL Software: Plugins.
Drei starke Roland-Emulationen auf einem Blick: TAL U-NO-LX, J8X und J-8.

Gibt es bestimmte technische Hürden, die du bei manchen Roland Vintage-Synths überhaupt nicht magst?

In der digitalen Welt gibt es im Zusammenspiel mit nicht-linearen Komponenten, die das Signal verzerren, immer diesen Kompromiss zwischen Aliasing und CPU-Auslastung. Vor allem mit einer tiefen Sample-Rate von 44,1 kHz wird es eng. Meistens entscheide ich mich für mehr CPU-Last zugunsten einer besseren Klangqualität. Das ist eine generelle Herausforderung in der DSP-Welt und betrifft nicht nur Emulationen.

Die späteren analogen Roland-Synths, wie der Alpha Juno oder JX-8P, haben ein paar spezielle Verhaltensweisen drin. Das Volumen korrigiert beim JX-8P der DCO 2 wegen des zusätzlichen Schaltkreises für die Cross-Modulation bei Pitch-Änderungen zum Beispiel nur mit einer Verzögerung. Das kann bei schnellen Pitch-Änderungen zu hohen Spikes führen, die mit einem Limiter weggeschnitten werden. 

TAL Software: Plugins.
Roland Juno-60 und JX-8P sind Dauergäste im Studio von Patrick Kunz.

Mit solchen Eigenheiten kann man sich wochenlang herumschlagen – und sich dabei öfter fragen, warum man dieses „Fehlverhalten” überhaupt nachbaut. Aber natürlich gibt es in den Factory-Presets einige Sounds mit hartem Anschlag, die genau davon Gebrauch machen und zum Charakter des Synths gehören.

Beta-Tester und Designer sind sicherlich eine große Hilfe?

Absolut, Beta-Tester sind bei TAL nicht mehr wegzudenken. Sie helfen, wichtige Features abzudecken und auch die Usability zu verbessern, bevor ein Produkt auf den Markt kommt. Manche Änderungen sind nach dem Release nur noch schwer oder gar nicht mehr umzusetzen. Bei TAL sind das oft User aus unserer Community, die unsere Produkte bereits kennen. Die meisten haben sich aus eigener Motivation bei uns gemeldet. Inzwischen haben wir ein ganzes Netz aus Testern und Sounddesignern, das sich über die Jahre aufgebaut hat.

Sounddesigner sind meistens die ersten richtigen Power-User der Instrumente. Sie decken zu komplizierte Workflows oder fehlende Features auf. Gute Factory-Presets sind gerade bei Synths sehr wichtig. Sie sollen die Stärken des Produkts hervorheben, sodass Musiker und Produzenten eine Idee davon bekommen, wie sich das Produkt einsetzen lässt.

KI für die Sound- und Musikproduktion – wie stehst du dazu? Nutzt du selbst KI?

In der Software-Entwicklung ist KI bereits sehr verbreitet. Ich selber nutze die KI als Werkzeug, das mich in einigen Tasks bei der Entwicklung unterstützt. Die meisten Codes schreibe ich aber immer noch selbst. Mir ist dabei wichtig, dass ich die Kontrolle über die Codierung behalte. Ansonsten kann das Ganze schnell zum Albtraum werden und in fehlerhaften Produkten enden. Unser Ziel sind Produkte, die über Jahre gewartet werden können – und keine Wegwerfprodukte.

Im kreativen Bereich oder zum Musikmachen nutze ich KI eher sporadisch – etwa für einen “Text to Speech“-Befehl. Das hat es aber vor 20 Jahren schon gegeben. Grundsätzlich sehe ich die KI-Entwicklung im Moment eher kritisch. Wir werden sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt und auf unsere Wirtschaft oder unser Leben auswirkt. 

Vintage-Synth versus Emulation – wie lautet deine Meinung?

Als Musiker mag ich Emulationen insbesondere wegen des einfachen Workflows. Man hat alles auf dem Schirm und schnell gespeichert – ohne Verkabelungen und technische Probleme. Hätte ich mehr Zeit, würde ich vielleicht Hardware und Software kombinieren.

TAL Software: Bassline 101.
Die TAL Bassline 101 ist in der DAW praktischer als die originalen Maschinen.

Der klare Vorteil der analogen Synthesizer liegt in der Bedienbarkeit und dem haptischen Feeling. Es kann sehr inspirierend sein, so ein echtes Musikinstrument vor sich zu haben. Oft fokussiert man sich dann auf wenige Geräte. Durch die Limitierungen wird die Kreativität automatisch gefördert. Man versucht dann, mehr oder weniger, alles aus einem Gerät herauszuholen.

Allerdings sind einige meiner Hardware-Synths schon über 30 Jahre alt und ich befürchte immer wieder, dass etwas nicht mehr funktionieren könnte, wenn ich sie einschalte. Die Slider arbeiten oft nicht mehr so smooth und wenn man den Vintage-Synth eine Weile nicht verwendet hat, braucht es manchmal ein paar Anschläge, bis alle Tasten wieder laufen. Einige der alten Synths werden am internen Netzgerät unglaublich heiß, was mir auch kein gutes Gefühl gibt.

Welche Tipps im Bereich der Musik-Software-Entwicklung hast du für den Nachwuchs?

Es wird immer einfacher, Software selber zu entwickeln. Die KI kann gerade für Anfänger eine große Hilfe sein. Trotzdem ist es wichtig, dass man sich ein fundiertes Basiswissen aufbaut. Ansonsten wird man sehr bald überfordert sein. Das Gute an der KI ist, dass sie relativ gut erklären kann, wie etwas funktioniert, und einem auch beim Lernen unterstützen kann. Es gibt fast täglich neue KI-Modelle und Tools, daher kann ich dazu keinen konkreten Tipp geben. Die meisten Entwicklungstools integrieren aber bereits standardmäßig eine KI. 

Gibt es für Patrick Kunz auch ein Leben ohne Bildschirm?

Ich habe eine kleine Familie, mit der ich versuche, möglichst viel zu unternehmen. Je älter ich mit meinen bald 50 Jahren werde, desto mehr spüre ich, dass ich einen Ausgleich brauche. Daher bin ich oft auch draußen in der Natur anzutreffen. Im Winter habe ich wieder angefangen, Ski zu fahren, und im Sommer schwimme ich ab und zu im See oder gehe wandern – wir haben hier in der Schweiz viele Möglichkeiten. Ich habe den Pilatus mit vielen Wandermöglichkeiten praktisch vor meiner Haustür und der See ist auch nur wenige Minuten mit dem Fahrrad entfernt.

Die Synths sind im Audio-Interface so übrigens konfiguriert, dass sie auch gespielt werden können, wenn der Computer nicht eingeschaltet ist.

Mit welchen neuen Produkten von TAL Software darf man rechnen?

Im Moment experimentiere ich mit Effekten. Ich habe einen Phaser gebaut. Ich weiß aber noch nicht, ob wir dieses FX-Plugin auch releasen werden. Eventuell werde ich auch mit einem etwas komplexeren Synth-/Sampler-Projekt starten.

TAL Software: J8X.
Der erfolgreichste Release von Patrick Kunz: TAL-J8X.

Eines der größeren Ziele dieses Jahres sollte aber viele User erfreuen: Ich möchte einige Produkte auf den aktuellen Stand bringen. So werden wir auch in Zukunft immer mit den neuesten Betriebssystemen kompatibel bleiben.

An dieser Stelle möchte ich ein großes Dankeschön an alle unsere User richten, die uns unterstützen. Erfreulicherweise gibt es noch Menschen, die Musik mit einfachen Bausteinen vollständig arrangieren, kreieren und etwas Einzigartiges schaffen – dieser Prozess ist sehr wertvoll und verleiht dem Endprodukt einen Wert und eine Bedeutung.

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